Willkommen im Bobbyversum
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INHALT

- The Power von Rhonda Byrne - nicht zu empfehlen
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Alles unter Kontrolle? - Die Kontrollillusion gehört zu den weitest verbreiteten menschlichen Irrtümern

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Mehr Power? Kein Problem ...

 

... findet Rhonda Byrne und versucht mit „The Power“ an den Millionenerfolg von „The Secret“ anzuknüpfen

 

The_PowerKK (pp).- „The Power“ der australischen Drehbuchautorin Rhonda Byrne ist der Folgeband zu „The Secret“, von dem 19 Millionen Exemplare verkauft wurden. Zwei geheime Autoren steckten hinter dem Welterfolg: der amerikanische Traum, jeder könne es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen - und jeder heißt „jeder“! - sowie körperlose Wesenheiten, die ihre Weisheiten unter dem Namen „Abraham“ verbreiten. Vermarktet werden Abrahams Botschaften eigentlich von der Bestseller-Autorin Esther Hicks, die an „The Secret“ mitgearbeitet hat, sich später aber mit Rhonda Byrne so erfolgreich verkrachte, dass ihr das 500.000 Dollar eintrug.

 

Kein Kopfsprung ins seichte Wasser

 

So viel zur Vorgeschichte von „The Power“. Jemandem, der gewohnt ist, Bücher mit ernst zu nehmender spiritueller Botschaft zu lesen, fällt dieses leichte Buch schwer. Warum? Es ergeht einem, als sähe man einen viel versprechenden See vor sich, in den man kopfüber springen möchte. Allerdings trügt der Wasserspiegel. Der See ist gerade mal 40 Zentimeter seicht. Spränge man, man bräche sich das spirituelle Genick. Allerdings: Watet man darin nur ein bisschen herum, dann kann man sich schon an dem einen oder anderen Satz laben, ehe man in tiefen Gründen schwimmen geht, zum Beispiel: „Es gibt nur eine Kraft, und diese Kraft ist die Liebe“ oder: „Dankbarkeit ist die Brücke, die Sie weg von negativen Gefühlen und dazu bringt, sich die Kraft der Liebe nutzbar zu machen!“ oder: „Ein Glaubenssatz existiert, wenn man sich seine Meinung gebildet hat - das Urteil ist gefällt, Sie haben die Tür verriegelt und den Schlüssel weggeworfen, und es gibt keinen Verhandlungsspielraum.“ Das kann man guten Gewissens so stehen lassen, es ist allerdings nicht neu. Buddha hat so etwas vor ca. 2500 Jahren erkannt. Misst man Rhonda an ihrer „Erkenntnis“, dann fällt vor allem auf, dass sie einige Schlüssel weggeworfen hat. Seitenweise bombardiert sie ihre LeserInnen mit Glaubenssätzen bis zur Gehirnerweichung. Entweder man beugt sich dem eindringlichen Geprassel oder man „schaut mal“, wie es gelingt, die simple Botschaft auf 282 Seiten zu strecken. Als dritte Möglichkeit kann man dieses Buch als „Lehrbuch über die Erfolgswirkung esoterischer Kampfschriften“ lesen.

 

Lge02_by_Klaus-Hayler_pixelio.deSystematisch halbwahr

 

Da ist zunächst die Mutter allen Übels: das Schwarz-Weiß-Denken, die Polarisierung, die keine Schattierungen zulässt. Rhonda Byrne macht keinen Hehl daraus, dass sie weiß, wo's lang geht: „Das Leben ist einfach. Ihr Leben besteht aus nur zwei Arten von Dingen - positiven und negativen.“ Dem kann man entweder widersprechen - dann braucht man nicht weiterlesen - oder hält es für richtig - dann gehört man zur Zielgruppe. Auf den ersten Seiten breitet Rhonda die Grundlagen von „The Secret“ aus: „Gleiches zieht Gleiches an ... Das, was Sie geben, bekommen Sie auch wieder zurück.“ Byrne lässt keine Ausnahme zu, der Glaubenssatz trifft auf jede Situation zu, auf ausnahmslos alles. Was, so fragte ich mich dabei, trage ich dann wohl in mir, wenn das Leben mir eine Pizza spendiert. Oder Kaviar? Oder Pellkartoffeln?

 

Um das neue Buch zu rechtfertigen, erzählt die Autorin, sie habe die Quintessenz aus „Tausenden erstaunlicher Geschichten“ gezogen und „einen tieferen Einblick in die Zusammenhänge“ des Lebens bekommen. Die Macht schlechthin - The Power - ist nämlich die Liebe. Wie schön. Wie romantisch. Wenn es mal so allgemein stehen bleiben und das Gemüt wärmen könnte. Doch „ohne Liebe“, schreibt Rhonda beispielsweise, „gäbe es keine Medikamente.“ Ob sie damit auch Pflanzen-Antibiotika wie Round-Up von Monsanto meint, ist unklar. Medikamente wie Viagra sind auf jeden Fall eingeschlossen. Nicht Profitinteresse treibt die Produktion an, sondern Liebe. Die Firma Pfitzer wird sich amüsiert bedanken, ebenso natürlich Bayer HealthCare, Sanofi-Aventis, Novartis, Hoffmann-La Roche und wie sie alle heißen. Auch auf der persönlichen Ebene ist Liebe das alleinige Motiv: „Ohne Liebe würden Sie sich nicht vom Fleck rühren. Es gäbe keinen positiven Antrieb, morgens aufzustehen, zu arbeiten ... zu lernen, Musik zu hören oder überhaupt etwas zu tun.“ Ein bisschen was Wahres ist da sicher dran, aber eben eine Halbwahrheit wie so vieles andere in diesem Buch.

 

600 Jahre alt werden

 

Wie schon in „The Secret“ führt Rhonda Byrne auch hier den Beweis, dass man alles haben kann, was man nur will. Konsumismus auf esoterischer Ebene. Und so wie eingangs jeder „jeder“ hieß, so heißt hier auch alles „alles“! Job, Geld, Partner, Gesundheit, langes Leben -sechshundert Jahre zum Beispiel - alles kann man haben. Man muss nur so intensiv wie möglich so tun, als ob man's schon hätte. Und nicht nur das: „Sie sind dazu bestimmt, alles zu bekommen, was Sie sich wünschen und erträumen ... Sie haben es verdient, alles zu erreichen und zu vollbringen, was Ihnen am Herzen liegt.“ Das hört man gern, das zieht. Dafür kann man dann schon mal 17,50 Euro abdrücken! Gebetsmühlenartig bekommt man dieses Universalversprechen eingebläut und stellt fest: Mein Gott, ich bin ein einziges Defizit. Denn würde ich nur richtig lieben, dann wäre ich permanent reich und glücklich, hätte meinen Traumjob und den besten Partner westlich des Mississippi. Die Sache hat allerdings einen Haken: Die Tiefenlogik dreht sich im Kreis. Wenn du alles haben willst, musst du zuerst lieben, und zwar, ohne etwas haben zu wollen. Hoppla. Und inbrünstig lieben, ohne Wenn und Aber: Ist ganz einfach, muss man sich nur vornehmen. Hauptsache, man liebt 51 Prozent seiner Wachzeit. Das ist der Kipppunkt. Dann klappt alles, was man eigentlich gar nicht wollte.

 

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Ärgerlich bis schlimm

 

Lässt man Rhondas Botschaft ein bisschen tiefer  sacken, dann muss man darauf achten, kein akutes Magengeschwür zu bekommen. An Zynismus ist sie nämlich kaum zu überbieten. Dass in Tansania auf 100.000 Menschen nur ein Arzt kommt, liegt natürlich daran, dass die armen Neger nicht positiv genug denken. Die 40 Millionen indischen Asthmatiker als billige Testpersonen nimmt man bei ganz viel Liebe zur Arzneimittelproduktion gerne an. Angesichts eines solchen menschlichen „Rohmateriallagers“ (Zitat der Informationstechnik-Firma Igate) sind die 49 Kinder, die in der Kinderabteilung des „All India Institute of Medical Sciences“ bei Arzneimitteltests von 2006 bis 2008 starben, ja gar nichts. Und selbstverständlich war den Millionen Juden, Sinti und Roma sowie Kommunisten, die unter den Nazis ihr Leben ließen, „The Secret“ einfach nicht bekannt; sonst wäre das nicht passiert.

 

Nicht schlimm, nur ärgerlich, ist die Verwendung der vielen Pfauenfedern der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte, mit denen sich Rhonda Byrne schmückt: Descartes, Einstein, Heisenberg, Tesla, Salomon, Thoreau, Albert Schweizer, G.B. Shaw, Sophokles, Augustinus, Gandhi, Buddha - und wieder und wieder die Bibel. Ein Beispiel, um zu verstehen, wie sie das macht: Den Glaubenssatz „Wenn es Ihnen im Leben an Geld mangelt, dann liegt das daran, dass Sie zum Thema Geld mehr schlechte Gefühle aussenden als gute“, belegt sie mit Laotse: „Wenn du begreifst, dass es an nichts mangelt, dann gehört dir die ganze Welt.“ Wer auch nur für fünf Minuten Laotse gelesen hat, weiß, dass damit eher das Gegenteil gemeint ist.

 

Eines muss man Rhonda zugute halten: Fundamentalisten der angelsächsischen Welt, die fest an die Macht Satans glauben, hält sie entgegen: „Es gibt keine Kraft der Negativität. In alten Zeiten [die z.B. in den USA bis heute fortdauern] wurde die Negativität manchmal als ‚der Teufel’ oder ‚das Böse’ beschrieben.“ Wenn es Rhonda also schaffen würde, den Teufel zu entsorgen, dann würde ich ihrem Buch viel Erfolg wünschen. Aber auch nur dann. Ansonsten möchte ich, ganz in Rhondas Sinn aus Liebe zum Menschen, empfehlen, sich nicht mit dieser Fastfood-Esoterik zu beschwipsen. Und psychisch instabile Menschen sollten ganz die Finger davon lassen.

 

Bobby Langer

(copyright press-partners)

Foto Gartenzwerg: Klaus-Hayler_pixelio.de
Foto Zeitungsente: berwis_pixelio.de

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Früher hab ich meinen Kinder gesagt: Das, was wir am besten beherrschen, ist, uns selbst zu belügen. Logischerweise hatte ich mich in diese Aussage eingeschlossen. Hier ist einer der Gründe dafür, warum das so ist:

 

Alles unter Kontrolle?

 

Die Kontrollillusion gehört zu den weitest verbreiteten menschlichen Irrtümern

 

(pp).- Vielleicht kennen Sie jemanden, der meint, er habe Einfluss darauf, ob er einen Parkplatz findet – mehr Einfluss jedenfalls als andere. Oder er denkt, er könne den Weg der Roulettekugel hin zu einem roten oder schwarzen Feld beeinflussen. Vielleicht glauben Sie selbst, Sie könnten Zufallsereignisse manipulieren. Der Spruch "Es gibt keine Zufälle" ist ja sehr weit verbreitet.

 

Wissenschaftler haben für diese Art von Glauben einen Fachbegriff parat; sie nennen ihn illusion of control – Kontrollillusion. Ellen Jane Langer, Professorin für Psychologie an der Harvard University, konnte in einer Reihe von Experimenten zeigen, dass die Kontrollillusion ein weit verbreitetes Phänomen ist. Aus eigener Erfahrung kennt jeder die Anfälligkeit dafür aus dem letzten Würfelspiel, bei dem man versuchte, mit magischen Sprüchen oder Hand- bzw. Körperhaltungen den Wurf zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Unwillkürlich tun das auch Spieler, die nicht bewusst der Kontrollillusion unterliegen. Generell tendieren Würfelspieler nämlich dazu, für höhere Zahlen auch stärker zu werfen.

 

"Schieß, Basti, schieß!"

 

Während die alten Griechen oder Römer noch glaubten, die Götter würden das Schicksal beeinflussen, haben nun wir die Rolle Gottes übernommen. Anders gesagt: Kontrollillusion ist eine Form krasser Selbstüberschätzung. Bei ihren milderen Formen allerdings lässt sie uns das Leben optimistisch und motiviert betrachten. Besonders gut kann man die unbewusste Kontrollillusion bei Fußballwelt- oder Europameisterschaften beobachten, wenn etwa aus den Reihen der Zuschauer (beim Publik Viewing kann das massenhaft geschehen) der Schrei ertönt: "Schieß, Basti, schieß!" Wie enttäuschend, wenn Basti das nicht gehört hat und nun stürmt, anstatt zu passen.

 

Selbstüberschätzung

 

Wir täuschen uns eh’ schon in so vieler Hinsicht, nun also auch noch, was die Kontrolle anbelangt – na, und? Kein Problem. Gäbe es da nicht die Gefahr, Rückmeldungen aus der jeweiligen Situation nicht mehr realistisch wahrzunehmen und deshalb unangemessen zu reagieren. In beruflichen Situationen kann dies zu markanten Unterschieden führen. So verdienen Investmentbanker mit starker Kontrollillusion deutlich schlechter als ihre realistischen Kollegen. Ist nicht so schlimm, zugegeben. Eine typische und ernst zu nehmende Gefahr hingegen ist die Fehleinschätzung von Autofahrern, die sich mit einem Gefühl der Sicherheit hinters Steuer setzen, während sie bei der Reise nach Mallorca von Flugangst geplagt sind. Eine realistische Einschätzung sieht anders aus: Die Gefahr, im Auto tödlich zu verunglücken, ist jedenfalls höher als im Flugzeug, egal wie man’s rechnet (siehe Kasten). Je größer die Selbstüberschätzung eines Autofahrers, umso größer die Lebensgefahr, in die er sich und andere damit begibt, etwa wenn er vor einer Kuppe überholt, in der Meinung: "Es wird schon nichts kommen".

 

Die Weisheit eines Channelmediums

 

Auch im intuitiven Bereich dürften Fehleinschätzungen zu mancher verpassten Chance führen. Wer beispielsweise auf einer Party glaubt, er habe Einfluss auf die Begegnung mit einem wohlhabenden Lebenspartner, wird für den Mann oder die Frau fürs Leben, die ihm oder ihr da gerade zulächeln, nicht offen genug sein und zielsicher daneben flirten. Eine der eindrucksvollsten Formen der Kontrollillusion kann man beobachten, wenn ein Mensch per Channel-Medium seinen Lebenspartner sucht. Die Illusion ist hier sozusagen dreifach angelegt: Erstens glaubt der Auftraggeber, dass er das für sein Leben richtige Medium erkannt und gefunden hat (sonst würde er dafür ja nicht bezahlen). Zweitens geht er nun davon aus, dass dieses Medium in der Lage ist, unter den Milliarden gesichtsloser Seelen die richtige für ihn zu finden. Und drittens glaubt er, das Medium könne ohne Verzerrungen durch die eigene Geschichte die Botschaft der gesuchten Seele eins zu eins channeln.

 

Gefahren überall

 

(pp).- Wird die Gefährlichkeit von Auto- und Flugzeugreisen verglichen, beziehen sich die Aussagen in der Regel darauf, wie viele Kilometer man fahren oder fliegen muss, bis man statistisch einen tödlichen Unfall erleidet. Dabei zeigt sich, dass die Lebensgefahr beim Autofahren rund zehnmal größer ist als beim Fliegen. Das gilt zum Beispiel, wenn man eine Autofahrt nach Rom mit einem Flug nach Rom vergleicht. Nimmt man jedoch anstelle der zurückgelegten Kilometer die verbrachte Zeit im Verkehrsmittel als Risikofaktor, dann ist das Verhältnis nicht mehr so günstig: Ein eineinhalbstündiger Flug – etwa von Köln/Bonn nach Mailand – ist dann ebenso gefährlich wie die einstündige Anreise zum Flughafen mit dem Auto, und viel gefährlicher als die Anreise mit dem Zug. Nicht zuletzt ist es auch eine Frage der Airline, wie sicher man fliegt. Bei so viel Rechnerei sollte man am besten zu Hause im Fernsehsessel bleiben, denn sogar zu Fuß zu gehen scheint gefährlicher als Fliegen, jedenfalls dann, wenn man sich auf Straßen bewegt: 2008 wurden im deutschen Straßenverkehr 654 Fußgänger tödlich überfahren, mehr als im weltweiten Flugverkehr ums Leben kamen. Falls die Fernbedienung funktioniert, kann man von dort aus immerhin das Aus und Ein des Fernsehers kontrollieren.

 

Bobby Langer

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