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Die Sprachforschung hat gelegentlich die Ansicht geäußert, die Bedeutung eines Buches erkenne man daran, wie wichtig die Lücken zwischen den Worten seien. Zur Beurteilung von Romanen und Gedichten ist das ein wunderbares Kriterium. Bei Sachbüchern interessieren mich am meisten solche, die darum wissen, dass es diese Zwischenräume gibt ...

Das Interview mit Abdi Assadi über die Fallen der Spiritualität ist richtig erleuchtend - um beim Thema zu bleiben!

Über die Liebe

Willigis Jägers Werk gehört auf den Morgentisch

(pp).- „Bald werde ich aber_die_Liebels Spielfigur des grandiosen Spielers ‚Gott’ vom Brett genommen“, schreibt Willigis Jäger in seinem jüngsten Buch „Über die Liebe“. Seine Todesangst hat der Benediktinermönch und Zenmeister längst verloren. Seit vielen Jahren hat er sie durch etwas ersetzt, das man vielleicht Todesvertrauen nennen könnte. Es speist sich aus einer mystischen Spiritualität, die die individuelle Existenz als Bl att am Baum des Lebens begreift und deshalb formulieren kann: „Das Leben endet nie.“

„Über die Liebe“ ist ein Buch nicht für den Nachttisch, sondern für den Morgentisch. Die Begeisterung, die aus ihm spricht, macht munter für den Tag, eine mentale Geisteswäsche, die von Sat z zu Satz Erkenntnisse formuliert. Zum Beispiel:

„Die Liebe ist der Bauplan, auf dessen Grundlage sich dieses Universum entfaltet. Selbsttranszendenz ist ein anderes Wort dafür. Liebe ist Selbsttranszendenz, denn sie bricht die Ego-Grenzen auf und überwindet die Trennung.“

Oder:

„Die Liebe ist die Grundlage des evolutionären Geschehens. Wer nicht lieben kann, kann sich nicht öffnen, kann nicht in Austausch mit anderen treten, kann dann aber auch kein erfülltes Leben leben; denn Leben heißt, Gemeinschaft zu haben, angenommen zu sein, geborgen zu sein und um die Deutung des eigenen Lebens wissen.“

„Über die Liebe“ ist aber auch ein Morgenbuch, weil kaum eine Seite vergeht, über der man nicht verweilen, nachdenken, meditieren möchte. Es ist ein Buch zum Aufwachen und Erwachen - auch für Nichtchristen und Agnostiker. Denn Willigis Jäger spannt seinen Gottesbegriff so weit, dass vielleicht sogar Atheisten darunter Platz haben: „Alles ist integrales Element des einen Seins, ein Element des kosmischen Spiels, dem wir den Namen Gott gegeben haben.“ So ist das Buch ein Vademecum für Menschen, die sich als „auf dem spirituellen Weg“ begreifen. Und es ist aufschlussreiche Lektüre für alle, die gerne wüssten, weshalb dieser spirituelle Weg neuerdings für immer mehr Menschen so attraktiv und zukunftweisend ist.

Wie schon in seinen vorigen Büchern hat der weise Mann aus Franken seine Gedanken präzise, klar gegliedert und gut lesbar niedergeschrieben, Gedanken, die den engen Rahmen von Konfession und Moral weit hinter sich lassen und weder reaktionären Christen noch unreflektierten Karmaanhängern schmecken dürften: „Die Androhung von Hölle und schlechter Wiedergeburt führte die Menschen ... in eine infantile Abhängigkeit und zu neurotischem Verhalten ... Auf dem spirituellen Weg erwächst dem Menschen die Ethik nicht aus Vorsätzen und Willensappellen, sondern aus der Erfahrung der Einheit.“

In seinem 84. Lebensjahr hat Willigis Jäger ein 135-seitiges Vermächtnis hinterlassen; „die Liebe“, schreibt er, „ist die Quintessenz meines Lebens“. Doch wer meint, hier spräche ein alter Mann verklärende Worte, trifft auf eine Frische und einen gedanklichen Mut, der auch um Tabuthemen keinen Bogen macht. „Gott“ merkt er an, wurde vom Christentum „zu einem moralischen Sittenwärter gemacht“. Tatsächlich verweise der Liebesakt zwischen zwei Menschen - wohl gemerkt: nicht zwischen Mann und Frau - „auf ein Sakrament, in dem die Einheit von Gott und Mensch, von Geist und Materie erfahren wird“. Von dieser untrennbaren Einheit ist auch das Böse nicht ausgenommen: „Was wir böse nennen, ist die dunkle Seite Gottes. Dies ist der Ratio fremd, wir können es nur erfahren. Durch eine solche Erfahrung verschwindet das, was wir böse nennen, zwar nicht aus der Welt, aber es erhält einen ganz anderen Stellenwert.“

Es ist nicht zu hoch gegriffen, „Über die Liebe“ neben Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“ ins Regal zu stellen. Es ist weniger ein Buch über die Liebe als vielmehr eines, das sich aus Liebe speist und das zur umfassenden Liebe keine Alternative sieht, wenn diese Welt gut enden soll: „Der mystische Weg führt in den Alltag, und er führt zum Mitmenschen. Wer die Erfahrung der göttlichen Liebe gemacht hat, teilt diese mit seinen Mitmenschen und vermittelt ihnen die Nähe und Geborgenheit, die er selbst erfahren hat.“

Willigis Jäger, Über die Liebe, 160 S., 15,95 Euro, Kösel Verlag 2009, ISBN 9783466368426

Bobby Langer