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Professor Hartmut Rosa diagnostiziert (und bekämpft) eine neue Gesellschaftskrankheit

 

(pp).- Es gibt Zeiten, in denen einem der Verlauf der Zeit besonders bewusst wird: beim ersten, viel zu kurzen Date oder vielleicht auch beim letzten, nachdem man einander wohl nie wieder sieht, aber auch bei besonderen Festen: bei runden Geburtstagen wie dem 30., 60. oder 80., aber natürlich auch unter Stress: Wenn die Gäste bald kommen, aber die Nachspeise nicht gelingen will, wenn der Chef einen Besuch angekündigt hat und man viel zu wenig Zeit hat, um wirklich fertig zu werden; kurz vor dem Zusammenprall - wenn einem ein Auto auf der gleichen Spur viel zu schnell entgegenkommt.

 

Eilkrank01_by_Rainer-Sturm_pixelio.deMeistens allerdings ist uns die Zeit so etwas wie Luft, wir bewegen uns in ihr, ohne sie wahrzunehmen. Ab und zu stoßen wir auf den Satz: „Lebe ganz im Hier und Jetzt“, dann tauchen wir kurz auf, fühlen uns ein wenig genervt und tauchen wieder unter. Bis zum nächsten Stressgefühl, das bevorzugt dann erscheint, wenn uns die Ereignisse von hinten überholen wollen.

 

 

Die Diktatur der Zeit

 

Professor Hartmut Rosa bescheinigt der modernen Industriegesellschaft eine chronische Eilkrankheit. Rosa: „Die spätmoderne Angst gilt nicht dem Geheimdienst oder den Schergen eines Tyrannen. Die Subjekte wachen auf aus Sorge, nicht mehr mitzukommen, nicht mehr auf dem Laufenden zu sein, die Aufgabenlast nicht mehr bewältigen zu können, abgehängt zu werden - oder in der erdrückenden Gewissheit, (etwa als Arbeitslose oder Ausbildungsabbrecher) bereits abgehängt zu sein.“ Das mache uns zu Egoisten und entfremde uns einander: „Keine Zeit mehr, Freundschaften zu pflegen, einen Lebenspartner zu suchen, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen. Wer sollte sich um die auch kümmern? Der Fernseher, der Computer, die Ganztagsschule? Dass in vielen Fällen die ersten beiden Möglichkeiten real genutzt werden, erschreckt nur noch am Rande.“

 

Innen und Außen scheinen sich immer weiter zu entfernen. Während die seelischen Fliehkräfte zunehmen und uns in die Welt schleudern, versiegt die psychische Zentripedalkraft. Sie hält uns immer weniger auf dem inneren Boden; die „Erdung“, wie man dazu gerne in Yoga- und Meditationskursen sagt, geht verloren. Und die Auswirkungen der Eilkrankheit sind fatal: Die Zeitnot produziert kränkelnde Immunsysteme, Allergien, Burn-outs, Panikattacken, Depressionen; ein menschliches, soziales und volkswirtschaftliches Desaster.

 

Verknotete Zeit

 

Eilkrank02_by_Gerd-Altmann-Jacob-Seligmann_pixelio.deHartmut Rosa, der an der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität lehrt, sieht drei Zeitebenen durcheinander geraten: die Alltagszeit (Buszeiten, Ladenzeiten, Termine), die Lebenszeit (die Übersicht über sein Leben und was man damit anfangen will) und die geschichtliche Zeit der eigenen Epoche (der Blick von sich selbst in der historischen Zeit): „Wer kann schon noch einen sinnvollen Zusammenhang herstellen zwischen den oft sinnlosen, von Hetze geprägten Alltagspflichten und den Lebenszielen? Haben wir überhaupt noch einen lebenszeitlichen Horizont? ... Kurz: Alltag, Leben und Epoche zerfallen und fragmentieren ebenso wie unsere Zeiterfahrung.“ Es gibt keinen zeitunabhängigen Werterahmen mehr, auf den wir uns stützen können, vielmehr bestimmen wir innerhalb des Handlungsrahmens über die Handlungsziele, also innerhalb der Zeit selbst. So wird die rasende Moderne zum Ewigkeitsersatz; der Tod verflüchtigt sich an den Rand des Bewusstseins: Wenn es schon kein Jenseits gibt, dann gewinnt mein Leben Sinn, indem ich immer mehr ins Diesseits packe.

 

Doch statt innerlich verankert zu leben, gleichen wir losgerissenen Bojen, werden zu Driftern, scheu vor Bindung und Dauer. Im Extremfall flüchten wir uns in die Depression, die Rosa als eine „Pathologie der Zeit“ beschreibt, und zwar in dreifacher Hinsicht:

 

Eilkrank05_by_Gerd-Altmann_pixelio.de- Depression als häufige Folge vermehrter Stresserfahrungen (Zeitdruck, hektische Veränderungsraten, hohe Unsicherheit)

 

- die Zeit wird als „verknotet“ wahrgenommen, es kommt zu „temporalen Erstickungsanfällen“, „zwischen Vergangenheit und Zukunft zieht es nicht mehr durch“

 

- Das Globalisierungszeitalter ist gekennzeichnet durch „rasenden Stillstand“; inneres Engagement lohnt sich nicht mehr, da keine Beziehung mehr identitätsstiftend oder

 

-stabilisierend wirkt, so dass es zu einem Zustand kommt, der durch „Öde und Leere (bei gleichzeitiger innerer Rastlosigkeit), durch Seelenlähmung gekennzeichnet ist“.

 

Spirituelle Tretmine

 

Kein Wunder also, dass der Begriff der Entschleunigung in den letzten Jahren eine solche Karriere gemacht und Bewegungen wie Slowfood und Cittaslow inspiriert hat. Mehr Lebensqualität durch bewussteren Genuss und achtsamere Lebensführung, lautet ihr Motto. Doch die Gefahr, Fastfood lediglich durch Slowfood zu ersetzen, aber innerlich der alte Adam bzw. die alte Eva zu bleiben, ist groß. Wie sonst könnte man der Eilkrankheit noch entkommen? Autogenes Training, Yoga, Entspannung? Meditation? Ja, nein, vielleicht. Denn sie alle bergen eine große Gefahr, sozusagen die spirituelle Tretmine schlechthin: Werden sie vor den Karren eines noch effizienter funktionieren wollenden Egos gespannt, verstärkt sich lediglich der Grad der Innen- und Außenwelt-Verstrickung zum Entwirrbaren. Wer meint, er könne Bedeutung gewinnen durch eine wie auch immer geartete Deklaration der Bedeutungslosigkeit, wird nicht nur zum Heuchler für die Welt, sondern auch gegenüber sich selbst - was gefährlicher sein dürfte. Der Satz, dass man sich nicht selbst entkommt, egal in welches Land man reist und welchen Job man antritt, gilt perfider Weise auch für die spirituelle Reise: „Es ist fast unvorstellbar, was ein Mensch alles an tiefgehenden Erlebnissen haben kann, ohne sich zu verändern“, schrieb vor 50 Jahren der Psychotherapeut und Zen-Lehrer Karlfried Graf Dürckheim, der sich irgendwann sogar für die Nazis begeistert hatte. Seither hat sich nichts geändert. Nur wenn der Mensch, so Dürckheim, „den in jeder echten Seinsfühlung enthaltenen Ruf hört und sich bindend dafür entscheidet, ihm zu folgen, kann die Gesamtverfassung ... sich ändern Eilkrank06_by_Doreen-Lauterbach_pixelio.deund ein neuer Jemand entstehen“. Und das heiße vor allem: „Die Mittelpunktstellung des Welt-Ichs zu brechen.“

 

Wege zur Entschleunigung

 

(pp).- Auch der intelligenteste Hamster kann dem Hamsterrad nicht entgehen, solange er dessen Konstruktion verbessern will. Er muss nichts weiter tun als: aussteigen. Doch auch die Hamsterrad-Metapher birgt ein Problem: Meist wird die innere Identifikation verwechselt mit der Teilnahme am äußeren Leben. Nicht der hundertundeinte Termin erzeugt die Eilkrankheit, sondern die selbstverständliche Annahme, er würde meinen Lebenssinn vertiefen oder gar hervorbringen. Mit anderen Worten: dem inneren Stress entkommt niemand durch äußerliche Veränderungen, sondern nur durch eine Wende im Inneren, eine Umwertung der Werte.

 

Dann aber wird es gut sein, in einem persönlich angemessenen Sinn sein Leben bewusst langsamer zu gestalten: langsamer essen und trinken, langsamer gehen und fahren (sich mal Tempo 100 verordnen; zu früh kommen), ruhiger sprechen, ruhiger atmen, ruhiger arbeiten (und die Vorstellung des Multitasking auf den Schrotthaufen der Ideengeschichte kippen), Termine canceln, Handy-Auszeiten, im Denken das halb volle Glas bevorzugen, die Schönheit der Dinge, der Natur und der Menschen um sich herum erkunden; alles „tun müssen“ allmählich ins „tun wollen“ verwandeln und dabei Nein sagen lernen. Sich mindestens einmal alle zwei Wochen einen „heiligen Abend“ (was das bedeutet, bestimmt jeder selbst) und feste, arbeits- und freizeitstressfreie Rückzugsstunden gönnen. Lächeln üben. Auch mal nichts tun.

 

Wer das Gefühl hat, tatsächlich bereits chronisch eilkrank zu sein, dem bietet Hartmut Rosa die Unterstützung seines „Instituts zur sozialen Therapie der Eilkrankheit“ (www.eilkrankheit.de).

 

Bobby Langer, 2010

Fotos der Reihe nach: - Rainer-Sturm_pixelio.de - Gerd-Altmann-Jacob-Seligmann_pixelio.de - - Gerd-Altmann_pixelio.de -- Doreen-Lauterbach_pixelio.de