Willkommen im Bobbyversum
- gurufreie Zone -

von Wolf Schneider

 

Wie ernst wir uns selbst nehmen oder für wie komisch wir uns halten, ich empfinde das als eine Frage von ähnlichem Format wie die uralten philosophischen Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was macht das Leben für einen Sinn? Viktor Frankl hat den Menschen beschrieben als einen Sinnsuchenden - wenn er im Leben keinen Sinn findet, wird er unglücklich bleiben. Vielleicht kann man den Menschen auch als einen das Komische Suchenden beschreiben: Wer in seinem eigenen Leben nur das Tragische sieht (weil es endet) und nicht auch das Komische, wird ein Suchender, Unerfüllter bleiben.

Humor und Weisheit

Bevor ich nun gleich ein Loblied auf den Humor singe, zunächst eine Unterscheidung: Mit Humor meine ich das Lachen oder Schmunzeln über sich selbst, das sich selbst komisch Finden. Mit Spott meine ich das Lachen über einen anderen Menschen oder über etwas, von dem man meint, es gehöre nicht zu einem selbst. Humor ist gesund, heilsam und ein Zeichen von Weisheit. Spott ist ein Ausgrenzen, Dissoziieren, ein von sich Fernhalten von etwas, das eigentlich zu einem selbst gehört. Spott wirkt trennend, Humor integrierend.

 

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Klar, dass wir von humorvollen Menschen umgeben sein wollen -  die Partnerschaftsanzeigen beweisen es. Keiner will verspottet werden, das empfindet man als erniedrigend, aber Humor: ja, bitte, mehr davon! Bei mir selbst und bei anderen. Was für den strebsamen Menschen die Frage provoziert: Wie kommt man dort hin, in dieses gelobte Land der Humorvollen, die einander nicht verspotten? Ich meine, es ist die Selbsterkenntnis, die einen dort hinbringt. Wer die eigene Identität, die eigene soziale Rolle erkennt und im Umgang damit spielerisch ist, hat Humor. Wer sich selbst nicht kennt und die in sich verdrängten Anteile in anderen verspottet, wird ein in sich gespaltener Mensch bleiben und Konflikte erzeugen.

Ist Humor erlernbar?

Wenn das so richtig gedacht ist, dann reduziert sich die Frage, ob Humor erlernbar ist, auf die Frage, ob Selbsterkenntnis oder Weisheit erlernbar sind. Werden wir weiser und humorvoller nur durch bestandene Lebens- und Identitätskrisen, durch das »Stirb und werde« einer menschlichen Entwicklung, hin zur Reifung? Die Theoretiker der Heldenreise (Joseph Campbell, Paul Rebillot und andere) meinen, dass das geht: Wir lernen allmählich, aber auch in Sprüngen und Stufen. Hermann Hesse drückte das in seinem berühmten Gedicht so aus: »Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe ...«. Diese Lebensstufen sind Stufen oder Sprünge in der Identitätsentwicklung - vor dem Steigen einer solchen Stufe ist der Mensch ein anderer als danach.

 
 

Zu Beginn jedes guten Films oder Entwicklungsromans steht der Held vor einer Herausforderung, die er als der, der er ist, nicht bewältigen kann. Er muss ein anderer werden. In Doris Dörries Film »Kirschblüten Hanami« kann Rudi den Tod seiner Frau nicht verkraften. Es war ihr Wunsch, nach Japan zu reisen, ihm zuliebe hatte sie ihn sich nicht erfüllt. Nun fährt er in seinem Schmerz selbst dort hin, an ihrer statt, und als er in Tokio eine Frau Butoh tanzen sieht, verwandelt er sich und kann als der andere, der er nun ist, schließlich seine Frau verstehen und ihren Tod verschmerzen -  er stirbt dabei, heilt in sich den erlittenen Verlust aber noch, bevor er selbst aus dem Leben scheidet.

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Humor aus Einsicht

Wir spotten gerne und machen Witze über als unwürdig empfundene Eigenschaften anderer Menschen: über die geizigen Schotten, die dummen Blondinen oder die gierigen Anwälte. Unklar bei den so Witzelnden ist aber meistens (in der Regel sowohl für die Spottenden selbst wie für den Betrachter), ob sie tatsächlich Schotten für geizig halten, oder ob sie sich damit einfach zu dem Wert bekennen, nicht geizig zu sein, und die Schotten nur für eine aus Gründen der Tradition geeignete Leinwand halten, auf der sie dieses Bekenntnis anbringen können -  man könnte dafür aber auch die Finnen oder die Bayern hernehmen, nur ist der Spott über den dortigen Geiz nicht etabliert. Jedenfalls setzt solcher Spott noch nicht unbedingt die Einsicht voraus, dass Geiz eine menschliche Schwäche ist, die auch in mir eine Heimat hat.

Humor hingegen setzt die Einsicht voraus, dass ich selbst eine Schwäche habe, gescheitert bin oder in sonst einer Hinsicht ein Objekt der Belustigung bin. Erst die Belustigung über eine in sich selbst erkannte Schwäche (zum Beispiel vorlaut zu sein oder taktlos) wird als humorvoll empfunden und hebt diese Schwäche geradezu auf: Die verspottete Eigenschaft ist dann nicht mehr eine Schwäche -  etwas, das einen schwach macht, ein Defizit -  sondern ein Spleen, eine Macke oder Meise, also eine akzeptierte Charaktereigenschaft. Sie muss zunächst von einem selbst akzeptiert werden, und wenn das mit genügend Selbstsicherheit geschehen ist, können andere nachziehen und sagen: »So ist er eben -  ein Mensch mit Ecken und Kanten.«

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Sich selbst spielen

Bei diesem Prozess der Selbsterkenntnis hilft eine spielerische Einstellung zu sich selbst. Das heißt: Wer ich bin und welche Rolle ich im Leben spiele, verstehe ich als -  eine Rolle, ähnlich der Rolle im Theater oder Film, wo man ja »nur spielt«, es also »nicht ernsthaft so meint«. Wenn beim Filmemachen eine Szene gedreht oder im Theater der Schlussapplaus verklungen ist, dann ist der Schauspieler wieder »er selbst«, will sagen: in seiner alten, den Alltag prägenden Rolle. Aber auch diese Rolle ist eine erlernte und gespielte. Das zu erkennen ist Weisheit und befähigt einen spielerisch damit umzugehen. Dann kann man sich selbst, das heißt die im Alltag gespielte Rolle, auf die Schippe nehmen. Und wer das kann, der kann auch ein anderer werden als er jetzt ist, er kann sich wandeln.

Seit ein paar Jahren trete ich selbst gerne als Kabarettist auf (»Esoterik-Kabarett«). Wenn ich dabei in die Rolle eines indischen Gurus (Sri Shitananda) oder eines Channelmediums (Christl Oberhuber, die Satana channelt) schlüpfe, ist es für die Zuschauer einfach: Dann bin ich nicht mehr der Wolf Schneider, den sie zu kennen glauben, sondern Sri Shitananda oder die Christl Oberhuber. Was aber passiert dazwischen, beim Übergang von der einen zur anderen Identität? Oder auch: Wer sagt denn, dass Wolf Schneider, der da nun den indischen Guru spielt oder einen erleuchteten Handwerker, dass das nicht auch eine Rolle ist? Ist vielleicht der normale Wolf Schneider genauso unecht oder sogar noch unechter als die von ihm gespielten Rollen?

Von dem taoistischen Weisen Zhuangzi ist folgende Geschichte überliefert: Eines Tages wachte er auf und stellte fest, dass er geträumt hatte, er sei ein Schmetterling. Da fragte er sich, ob es nicht sein könne, dass er in Wirklichkeit ein Schmetterling ist, der jetzt träumt, er sei ein Mensch.

Die sieben Kellerkinder

Methoden, die Rollen zu erkennen, die wir im Alltag spielen, gibt es viele. Die diversen Enneagrammlehren gehören dazu, aber auch andere Typologien, darunter am populärsten die astrologischen. Sie zeigen uns in der Regel allerdings eher, wer wir sein könnten, wenn wir das wollen oder für richtig halten, als wer wir sind -  empirische Bestätigungen dafür, dass etwa zwischen dem 23. Juli und dem 23. August Geborene eher Löwe-Eigenschaften zeigen, gibt es nämlich kaum, und die paar, die in diese Richtung deuten, lassen sich damit erklären, dass sehr viele der in diesem Zeitraum Geborenen glauben, ein Löwe zu sein und dementsprechend diese Eigenschaften manifestieren. Zu solchen (Arche)Typologien gehören auch »Die sieben Kellerkinder« des Theatermanns und Clowns Johannes Galli. Er fand, dass wir folgende sieben Typen in uns haben: die Tranfunzel (Trägheit), den Fetzer (Aggression), das Lästermaul (Neid), den Großkotz (Hochmut), das Flittchen (Geilheit), den Geizhals (Geiz) und den Binnix (Unsicherheit). Wenn wir uns dieser in uns agierenden Typen nicht bewusst sind, bestimmen sie uns. Erst wenn wir sie als in uns Wirkende erkennen, können wir sie spielen, anstatt von ihnen gespielt zu werden. Dann haben wir sie angenommen, uns angeeignet und können aus den jeweiligen Rollen auch wieder aussteigen -  falls wir das wollen.

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Klinikclowns

1972 gründete der amerikanische Arzt Hunter Adams das »Gesundheit! Institute«, und gilt seitdem als geistiger Vater der Humormedizin. Sein Leben und heilerischer Ansatz wurde die Grundlage des 1998 erschienenen Spielfilms »Patch Adams« mit Robin Williams. Adams ging es darum, die in allen Menschen vorhandende Fähigkeit des Humors im Heilungsprozess einzusetzen. Er löste damit eine weltweite Bewegung aus, die unter anderem zu den Klinikclowns führte. 1995 initiierte der indische Arzt Madan Kataria den ersten Lachclub; auch hieraus wurde eine weltweite Bewegung, die des Lachyoga, die bis 2007 auf 5.000 Clubs angewachsen war. Die Klinikclowns versuchten zunächst den Kindern im Krankenhaus den Heilungsprozess zu erleichtern, in dem sie die dortige, sehr von Ernst geprägte Umgebung aufzulockern halfen, zum Beispiel durch eine »Clownvisite«. Seit 1998 betätigt sich der Verein der Klinikclowns (www.clinikclowns.de) auch in der Altenpflege, denn auch den Alten hilft das Spielerische, sowohl in der Heilung wie überhaupt im Leben. Es hilft sogar beim Sterben: Neuerdings gibt es Klinikclows auch auf Palliativstationen und in Hospizen, berichtet der Religionswissenschaftler und Lach-Yoga-Trainer Harald Alexander Korp.

Das göttliche Gelächter

Bei all der Heilkraft und Fähigkeit zur Lösung von Konflikten und Verstrickungen, die dem Lachen und dem Humor innewohnen, müsste beides doch auch in den Religionen zuhause sein. Dort wird man jedoch nur zum Teil fündig. Das Christentum scheint eine eher ernsthafte Religion zu sein. Aber auch hier gibt es das göttliche, befreiende Gelächter, so etwa in der Tradition des Osterlachens, das vom 14. bis ins 19. Jahrhundert in vielen Teilen Deutschlands zum Brauchtum gehörte. Teil davon waren die »Ostermärchen«, die in der Osterpredigt erzählt wurden und die Gemeinde zum Lachen bringen sollten. Dieses Lachen sollte die Freude über die Wiederauferstehung Christi ausdrücken: Der Tod hatte sich an ihm »verschluckt« und so der Lächerlichkeit preisgegeben.

Besser verankert ist das Lachen im Judentum, und noch mehr im Sufitum des islamischen Kulturraums - dort etwa in der Figur des Mullah Nasruddin, einer Art Heiligem Narren - und in Ostasien im lachenden Buddha und den Zengeschichten, die man auch als Witze mit Tiefgang verstehen kann. Im Taoismus, Mahayana-Buddhismus und in vielen schamanischen Kulten ist das Lachen ein Ausdruck der Gelöstheit, der Befreiung von Bedrückung, in der Figur des lachenden Buddhas sogar Ausdruck der ultimativen Einsicht und damit Befreiung von der Vergänglichkeit und allem irdischen Leiden.

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Humor und Transzendenz

Was uns von der banalen diesseitigen Erfahrung zu einer mit Sinn erfüllten führt, beantworten die Religionen und Philosophien sehr verschieden. Gemeinsam ist ihnen ein Durchbrechen des (oberflächlichen) ersten Eindrucks eines Ereignisses, ein Infragestellen oder Überschreiten (Transzendenz) der Alltagsperspektive und der alltäglichen Identität. All das leisten auch viele Witze und Anekdoten. Eine sowohl im Zen wie aus dem Sufitum bekannte Geschichte ist die folgende:

Der Schüler schaut über den Fluss zu seinem Lehrer und fragt: Wie komme ich auf die andere Seite? (Das Überschreiten eines Flusses steht oft metaphorisch für den Eintritt ins Jenseits, in die Anderswelt oder auch auf eine höhere Ebene der Weisheit.) Der Lehrer antwortet: Du bist schon auf der anderen Seite! Damit wirft er den Schüler auf sich selbst zurück, denn aus der Perspektive des Lehrers ist der Schüler »auf der anderen Seite«. Alles eine Sache der Perspektive. Weisheit, Witz und Humor kommen immer wieder darauf zurück: Du kannst eine Sache nur von dort aus betrachten, wo du stehst. Außerdem: Wer ist der Schüler, wer der Lehrer? Im Buddhismus gibt es auch den Spruch: Den Begriff »Erleuchtung« gibt es nur für die Unerleuchteten. Für die Erleuchteten sind alle erleuchtet -  will sagen: bei sich - , die meisten von ihnen wissen es nur noch nicht.

Den durch Witz und Paradoxie belehrenden Zengeschichten der buddhistischen Kulturen entsprechen die Sufi-Geschichten der islamischen Kultur und die chassidischen Geschichten etwa des osteuropäischen Judentums. Ein häufig vorkommendes, wesentliches Element ist bei ihnen die Loslösung von der aktuellen Ich-Identität, die Gelächter erzeugt und befreiend wirkt.

Deklarierter Humor

Humor ist in den meisten Kulturen etwas, das nur zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten erlaubt ist, und nur, wenn man diese Bereiche als solche kennzeichnet. Im Zeitlichen begegnen wir dieser Abgrenzung bei der Festlegung der Faschingszeit, dem 1. April oder bei Ankündigungen wie »Ich erzähle Ihnen jetzt einen Witz« oder »jetzt mal im Ernst«. Im Örtlichen ist das etwa die Witzseite einer Zeitung oder das Wort »Satire« in der Überschrift. Es kann auch ein Kostüm sein: das des Narren oder Clowns. Manchmal genügt eine rote Nase oder Narrenkappe oder ein bisschen Schminke im Gesicht, damit die Leute wissen: Jetzt dürfen sie die Situation komisch finden. Aber: Wer setzt diese Grenzen? Wer bestimmt, was wir komisch finden dürfen und was nicht? Sind diese Grenzensetzer nicht eigentlich selbst ziemlich komisch, die ab Aschermittwoch wieder den Ernst einläuten oder meinen, außerhalb der Witzseiten unserer Zeitung seien diese Beiträge nicht zum Lachen? Und was, wenn eine Satire-Sendung von Georg Schramm von den normalen Auftritten unserer Politiker kaum zu unterscheiden ist, hat dann Herr Schramm kein gutes Kabarett gemacht, oder haben sich andererseits die Politiker zu wenig von den Kabarettisten, Schauspielern und Verkäufern kommerzieller Botschaften abgesetzt?

Grenzenloser Humor

Vielleicht aber liegt das auch daran, dass es hinter der sauberen Zweiteilung von »dies ist komisch, das nicht« noch einen Raum gibt, ähnlich dem Raum »Jenseits von Gut und Böse« (den etwa Nietzsches Zarathustra entwirft), der sowohl komisch als auch ernst oder gar tragisch ist. So wie wir ja auch bei der Betrachtung von Schönheit sagen, sie liege im Auge des Betrachters, nicht im Objekt der Betrachtung, dann ist das vielleicht auch bei der Komik so. Dann sind unsere Politiker und auch die anderen Gestalten des ernsthaften Welttheaters so sehr Narren, Schauspieler oder Komiker, wie wir solche in ihnen sehen. Dann ist Charlie Chaplins Film »Der große Diktator« eine gute Wiedergabe dieser Show, und ob man hier über Hitler lacht (oder weint) oder über Chaplin, das liegt ganz beim Betrachter.

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Das jedenfalls ist die Sicht des »Heiligen Narren«. Diese Figur des Verrückten wird in einigen spirituellen Traditionen (Zen, Taoismus, Schamanismus, aber auch im Christentum gibt es sie, denn Franz von Assisi war einer von ihnen) als höchste Ausprägung von Einsicht gefeiert (s.a. Georg Feuerstein, Holy Madness, 1991). Für diese verrückten Weisen gibt es die Grenze zwischen lachhaften und ernsthaften Objekten, Situationen, Personen nicht mehr. Sie halten sich nicht daran, ob gerade Faschingszeit ist oder eine Geste oder Figur ernst gemeint ist oder nicht, sie lachen wann sie wollen. Und nicht nur sie sehen das so, auch Karl Valentin wusste das: »Jedes Ding hat drei Seiten: eine positive, eine negative und eine komische«. Alles hat auch eine komische Seite -  es kommt auf den Betrachter an, ob er imstande ist, sie zu sehen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie gut es tut, die komische Seite zu sehen. Aber nicht immer ist es gut, nach dieser Erkenntnis sogleich zu lachen, denn es könnte die Anwesenden brüskieren. Sollte ich etwa einmal im politischen Untergrund für irgendeinen guten Zweck arbeiten (zur Zeit arbeite ich noch im Obergrund), gerade verpfiffen worden sein, und die Schergen des Regimes an meine Wohnungstür klopfen, um mich zu verhaften, dann ist das nicht die richtige Situation, Witze über sie zu machen. Auch wenn es ihnen helfen könnte, sich von ihrer Identität zu lösen. Denn je nach Brutalität des Regimes, über das ich mich da gerade mokiere, könnte mir das die Chancen endgültig vermasseln, noch irgendwann im Leben mal wieder jemandem bei der Identitätslösung zu helfen.

Der Pseu-Weg

Viele Menschen suchen nach ihrer wahren Identität. Die knüpfen sie meist an ihre Herkunft: die Familie, die Sprache, das Land, die Rasse -  Scharen von »african americans« etwa suchen sie neuerdings in Afrika, werden von den dort lebenden Afrikanern aber einfach als dunkelhäutige amerikanische Touristen angesehen, mit denen man Geld verdienen kann, zu denen man aber sonst keinen Bezug hat. Ich belustige mich über diese Suche nach der wahren Identität gerne, indem ich mich als Meister der Pseu-Linie oute. Bin ich doch vor Jahren in Korea in den buddhistisch-schamanischen Pseu-Weg eingeweiht worden -  diese Wege heißen in Ostasien -do, so wie Judo, Aikido, Taekwondo usw. Ich bin also ein Meister des Pseu-do, ein Pseudo-Meister und übrigens der einzige in Deutschland lebende autorisierte Pseudo-Meister. Ein dritter Grad im Reiki ist nichts dagegen, ich trage den zehnten Dan, den Schwarzgürtel im Pseudo.

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Kann man das lernen?

Allem deutschen Geniekult zum Trotz: Kreativität ist erlernbar. Und auch Humor ist erlernbar, mindestens so sehr wie Weisheit. Es braucht dazu allerdings einen kleinen, aber wesentlichen Schritt: die Entscheidung zur Innenschau, zur Selbstbetrachtung und Selbsterkenntnis. In einer traditionell auf Welterkenntnis ausgerichteten Kultur, in der es im seriösen Journalismus noch immer zum guten Ton gehört, sogar in einer Reportage nicht »ich« zu sagen, sondern »der Autor dieser Zeilen«, braucht es dazu ein bisschen Mut, oder vielleicht besser so viel Schalk im Nacken, wie Kurt Tucholsky ihn hatte, der in der Weltbühne unter vier Pseudonymen schrieb und sich dabei auch mit sich selbst stritt, oder der gerade verstorbene Fritz Teufel oder Wolfgang Neuss (»Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen« -  wobei es natürlich gesünder ist, transzendente Erfahrungen ohne Joints zu machen).

Wir brauchen jedenfalls nicht nach Asien zu reisen (»ex oriente Lux«), um Transzendenz zu erfahren. Es gibt sie auch in Europa. Dieser Kontinent hat den Humor in allen seinen Varianten (Ironie, Satire, Parodie usw.) so weit entwickelt und verfeinert wie kein anderer. Humor als Belustigung über sich selbst ist ein Weg der Transzendenz, der alles in sich hat, was es braucht. Humor ist der Zen Europas.

Wolf Schneider, Jg. 1952, Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie (1971-75). Hrsg. der Zeitschrift connection seit 1985. 2005 Gründung der »Schule der Kommunikation«. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! , Blog: www.schreibkunst.com

Fotos in ihrer Reihenfolge:

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