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Heimat und Fremde – Yin und Yang im Herzen, eine Erinnerungsentgleisung
von Bobby Langer

 

Nein, "(k)ein Bayer" ist kein Wortspiel. Es ist die Wahrheit und doch auch wieder falsch. Das muss ich erklären. Dafür möchte ich gerne in meine Kindheit zurückkehren, die ich bis zum sechsten Lebensjahr in Neuburg vorm Wald verbracht habe, einem kleinen Städtchen im Bayerischen Wald. Wir wohnten am äußersten Stadtrand. Die Wiesen, Äcker und Blaubeerwälder waren uns näher als die Stadt. Gleich neben uns wohnte und werkelte ein Oberpfälzer Bauer, ein kleines, freundliches Männlein, das mit einem winzigen Traktor seine Felder bestellte. Ich verstand sein sonniges Lächeln und breites Bayerisch, er mein Hochdeutsch auch; die harten Bretter seines "Beifahrersitzes" waren mein Himmelreich, und wenn ich bei einsetzendem Regen im Herzen eines Stohmännchens saß, war ich zu Hause.

 

Als ich sieben Jahre als war, zogen unsere Familie in die Fremde: in ein oberpfälzisches Dorf, das ebenso winzig war wie zuvor der Traktor. Ich verstand die wenigen Kinder meines Jahrgangs, aber sie mich nicht. Ich absolvierte einen Straßen-Crashkurs in Oberpfälzisch (einem besonders harten Bayerischen Dialekt), und nach einem halben Jahr gehörte ich dazu. Wenn ich jetzt zu Hause Oberpfälzisch sprach, verstanden mich meine Eltern nicht mehr. Oberpfälzisch, meine neue Muttersprache, wurde deshalb aus unserer Wohnung verbannt, Hochdeutsch war Pflicht. Eine Weile legten mir meine Eltern nahe, mich als Schlesier zu fühlen, als Flüchtlingskind. Nach vier Jahren zogen wir abermals in die Fremde – nach Amberg in der Oberpfalz.

 

Wie schon vier Jahre zuvor, kannte ich niemanden, es war ein Umzug wie nach China. Mein Kindheitsfreund Sepp, meine späteren Jugendfreunde Hermann, Wolfgang, Bruno und Stefan - für meine Familie allesamt "Ausländer" - sprachen alle breites Oberpfälzisch und ich mit ihnen; je jugendlicher ich wurde, desto weniger war ich zu Hause und desto mehr wurde ich zum Bayern. Wenn ich nicht zu meditieren begonnen hätte. Und wenn da nicht die CSU gewesen wäre, unser Pfarrer, mein KJG-Gruppenleiter (der später Oberbürgermeister wurde, eine typisch oberpfälzische Karriere) und Franz-Josef Strauß. Andererseits mochte ich ihr Bier, ihre kernige Ausdrucksweise, ihre Heimatverbundenheit und Solidarität untereinander (die ich nie erfuhr, aber nach der ich mich immer sehnte), ihr mürrisch plumpes Wesen, das sich vom Leid der Welt so wenig berühren ließ wie eine Bärenschnauze von Bienenstichen.

 

Das Studium führte mich nach Würzburg. Das gehört zwar auch zum bayerischen Territorium, aber auch wieder nicht. Denn es ist Franken, genauer gesagt: Unterfranken. Meine Frau ist Fränkin, eine gute Freundin ist Fränkin (allerdings Mittelfränkin!), viele meiner Bekannten sind Franken und meine drei Kinder waren eine Weile ebenfalls Franken. Die Franken legen großen Wert darauf keine Bayern zu sein. Aber wenn sie schon etwas anderes als Franken sein sollen, dann doch lieber Bayern als etwa Hessen zum Beispiel.

 

In Würzburg geschah es, dass sich erst meine Identifikation mit Landesgrenzen verlor, dann mit Geistesgrenzen und endlich mit Ichgrenzen. Aber der Reihe nach: Ich hatte fest vor, Kommunist zu werden. Das schien doch viel menschlicher und attraktiver als Katholik. Aber im Kennenlernen der Kommunisten fand ich wenig Unterschiede zu den Mitgliedern der Amberger CSU. Statt einer Leidenschaft für wahres Fühlen und Denken traf ich erneut auf ein verbissenes Glaubensbedürfnis, statt an Kapitalismus diesmal eben an Marx, an Engels, an Lenin und ja: sogar an Stalin. Ein Jahr Aufenthalt in Schottland ließ mich wie ein Schotte fühlen: Fröhlichkeit, Whisky, nächtliche Stunden allein in den Highlands. Die meisten Engländer, die mir begegneten, hielten mich für einen Schotten. Mein bester Freund wurde ein Schotte. Ich benannte meinen ersten Sohn nach seinem Vater und ihm: Alistair Robert. Es war die Entdeckung der Einsamkeit. Und der Fremdheit mit allem, was mir bislang vertraut erschienen war. Ich blieb, der ich immer gewesen war, aber aus mir entpuppte sich etwas Neues. Was folgte, war die Rückkehr in die Würzburger Fremde.

 

Heirat, Kinder, Beziehungskrisen, Wohngemeinschaften, Geliebte, Großfamilie, Finanzsorgen, unklare berufliche Zukunft, kranke Eltern – alles erntete ich reichlich und meist mit Happy End. Inzwischen hatten eine hochdeutsche, eine oberpfälzisch-bayerische, eine fränkische und eine schottische Identität in mir Wurzeln geschlagen. Sie löschten sich allmählich gegenseitig. Beteiligt am Löschungsvorgang war die indianische Phase, die mir eine tiefe Verbindung zur Erde bescherte und zu allen ihren Kindern, zum Wind, zur Welt, zu mir als sinnlichem Lebewesen und nicht nur als Theoretiker. Und weil es nun mal keine bayerischen Indianer gibt, ebenso wenig wie schlesische, fränkische oder schottische, wollten die alten Identitäten nicht mehr so recht haften. Sie waren mir alle lieb, aber sie waren nicht mehr ich, waren gut sitzende Maßanzüge, in die ich mich kleidete, wenn ich nach draußen ging.

 

Auch die indianische Phase verging. Was blieb, war die Meditation, die Versenkung in Tausende von Augenblicken. So kamen die Jahre und vergingen, so begegneten mir viele Menschen – Bekannte und Verwandte, Freundinnen und Freunde - und verloren sich wieder. Alle, die hängen bleiben wollten, sind so verschwunden, wie ich eines Tages verschwinden und alle meine Identitäten mitnehmen und von der Kreidetafel meines Ichs löschen werde. Geblieben sind meine Familie, ein paar gute Freunde, die mich auch nach einem Jahr ohne Kontakt noch erkennen und meine warmen Erinnerungen an jenen kleinen oberpfälzischen Bauern und der Geruch von Erde, der an ihm haftete – bayerischer Erde, die mir so nah ist wie fremd. Und ohne die ich nicht wäre.