Willkommen im Bobbyversum
- gurufreie Zone -

Der Nationalstaat hat ausgedient. Und wer die Bundesrepublik – oder gar Deutschland – retten will (was auch immer das sein mag), investiert seine Energien in die falsche Richtung. Nationalstaatliches Denken führt immer in eine Richtung: tendenziell in den Glauben, dass Nationalstaat etwas mit Volk zu tun habe und dass ein Volk besser sein könne (und vor allem „dürfe“ im Sinne einer Selbstermächtigung) als viele andere. Aber noch mehr: Dass es tatsächlich so etwas gibt wie ein "Volk". Das halte ich – zumindest im Rahmen von Großgesellschaften – für eine gefährlich naive Weltanschauung. Völker mag es auf Papua-Neuguinea geben, aber die Deutschen sind ebenso wenig ein Volk wie die Briten, Franzosen oder Spanier. Wir sind in geschichtlichen Prozessen entstandene Nationen, keine Völker.

Wie auch immer: Ich sehe in Anstrengungen, ÜBER die Wirtschaft zu reden, für mich keinen Nutzen. Schlicht mal deshalb, weil ich zu wenig davon verstehe, um für meine subjektive Wahrheit zwischen Trug und Treue unterscheiden zu können. Wer da mit wem verbandelt ist und zu welchem Zweck, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht haben die Verschwörungsfreunde Recht, wahrscheinlich aber nicht, denn interessanterweise sind das meistens Leute, die von der Materie relativ wenig verstehen, von der sie reden. Sie finden dafür einen für sie plausiblen, für mich nicht nachvollziehbaren Grund: So gut wie alle Experten, so neutral sie sich geben mögen, gehören zur bösen Seite; alle Firmenmitarbeiter (die Geschäftsführer allen voran) sind böse; alle Verwaltungsangestellten und Beamten, die das System aufrecht erhalten, sind böse, auch alle Polizisten, Anwälte und Richter; so gut wie alle Wissenschaftler und die Juroren des Nobelpreis-Kommitees. Und alle die Hundertausende von Journalisten weltweit sind vermutlich dumm und einfältig oder auch böse, nur Frieden03 by Lupo pixelio.deeinige wenige sind es nicht. Und nicht zu vergessen: Sie alle sprechen sich in einer Art Weltverschwörung in einer Geheimsprache heimlich ab (denn nur so lässt sich die geschlossene Oberfläche aufrechthalten).

Selbst, wenn dem so wäre: Mir hilft es nicht, mein Weltbild klarer zu kriegen. In Sachen Wirtschaft hab ich so ungefähr formuliert, was mir als „wahr“ (also mit Vorsicht zu genießen) erscheint: Wer Kapital hat, kann es einsetzen, um damit Menschen für sich arbeiten zu lassen. Würde er ihnen so viel geben, wie sie erarbeiten, würde er nichts verdienen, könnte auch seine und der Arbeiter Risiken nicht abfedern. Je mehr Menschen für so jemanden arbeiten und je größer die Schere zwischen dem Wert ihrer Arbeit ist und dem, was sie dafür bekommen, desto mehr freut sich der Kapitalist. Das ist sozusagen die Grundlage von allem und begann schon mit den Sklaven im alten Afrika, Griechenland etc. Die bekamen gar nichts und ihre Herren alles. Und wenn sie aufmuckten: Kopf ab. Diese ökonomische Grundlage ist also uralt – gemeinerweise könnte man formulieren „altbewährt“ – und wurde durch den Industrialisierungsprozess nur noch angeheizt. Inzwischen gibt es keinen Herrn Siemens oder keinen Herrn IBM mehr; Unternehmer, die noch Einfluss auf ihre Firma haben, sind am Aussterben und haben meistens nicht mehr als ein paar Hundert Angestellte, meistens weniger. Das System, eine Art globales Super-Ego, versucht sich selbst aufrecht zu erhalten und seine Nutznießer (also die meisten von uns) tun alles dafür, dass es so bleibt, weil sie von Systemanteilen erheblich profitieren, ohne sich nachweisbar und unmittelbar schuldig zu machen. Sie können sich aus dem Wertekanon des Pluralismus an Gewissensentlastungen aussuchen, was ihnen passt. Das Angebot ist groß. Im Zweifelsfalle kämpfen auch sie gegen "böse Feinde", ehemals die Kommunisten, heute die Terroristen. Da muss man sich doch zusammentun, nicht wahr?!

Unabhängig von diesen Dingen spüre ich eine andere, ganz undefinierbare Wirklichkeit hinter dieser beschriebenen, eher fratzenhaften. Es gibt die Weisheit des Sinnfreien, es gibt das Mitgefühl, das daraus wächst, aber auch aus der fantastischen Fähigkeit des Menschen, sich in Wohl und Wehe des anderen Frieden01 R by Luise pixelio.dehinein zu versetzen; und es gibt eine Gegenkraft, die sich gegen dieses monströse Super-Ego zur Wehr setzt, indem es sich ihm entzieht, andere Werte zum Maßstab nimmt, anders miteinander umgeht. Solange wir meinen, wir könnten dieses Super-Ego bekämpfen, entlarven und enttarnen und von seinem Sockel stürzen, werden wir verlieren. Denn es hat wie ein Alien seine Fühler längst in jeden von uns hinein getrieben, in unser Konsumverhalten, in unsere Art von Gefühlsarmut und Gedankenlosigkeit, ja bis hinein in unsere Glücksvorstellungen. Es zehrt von unserer Bitterkeit, unserer Furcht, unserem Habenwollen, unserem künstlich aufgeblähten Sicherheitsbedürfnis, unserem Groll und Neid. Aber es zittert vor unserer Liebe.

Frieden02 by Gerd Altmann pixelio.deJa, ich interessiere mich für Fakten mehr als für Interpretationen. Nach so vielen Jahren im Umgang mit Public Relations habe ich gelernt, wie präzise man an der (selbst erkannten) Wahrheit vorbei schreiben und reden kann, damit es sich noch wie Wahrheit anhört. Mich interessieren deshalb mehr die Menschen und was mit ihnen geschieht und ob wir gemeinsam etwas dagegen unternehmen können

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