14. November

Am 1. Dezember werde ich mit dem Zug nach Frankfurt fahren, das Intercity-Flughafen-Hotel ist schon gebucht. Der halbstündige Shuttle von dort zum Flughafen am 2. Dezember kostet mich 15 €, spart mir aber jede Menge Nerven. Der Abflug ist für 11.30 Uhr geplant. Das ESTA-Formular, das ich für den Transfer in Washington benötige, liegt ausgedruckt bereit.

Die einzige, noch bleibende Unsicherheit: Der Transferprozess in den USA mit Schlangestehen bei Aus- und erneuten Einchecken des Gepäcks und vor der erkennungsdienstlichen Behandlung dauert eeeewig und nervt, als ob es das erbitterte Ziel der USA wäre, sich bei Besuchern möglichst unsympathisch zu machen. Die angesagte Ankunftszeit in Washington ist 14:35 Uhr, der Abflug 17.42 Uhr, also etwas mehr als drei Stunden für diesen Nervenmarathon. Das klingt viel, könnte aber dennoch knapp werden. Und wenn’s nicht klappt: Was dann? Ich werden gleich mal Alistair (meinen Ältesten) fragen, denn er ist ein Vielflieger und sollte mir Auskunft geben können. (Er meinte, das sei Standard, da wüsste man immer einen Ausweg. Aber ihm sei das noch nie passiert.)

Irrtum, es gibt eine zweite Unsicherheit: Kann ich mein Handy nutzen, nachdem ich in Guatemala City gelandet bin. Auch das muss ich noch klären. (Es gibt W-Lan in der Ankunftshalle.)

So weit also die Formalien. Ich merke, wie sich mein innerer Zeithorizont zunehmend auf diesen Abflug verengt; wie er sich in meinem Kopf in den Vordergrund drängt. Ich werde lange unterwegs sein, der Rückflug ist für den 9. Februar geplant. Das ist ein sechstel Jahr. Ich habe schon ein paar Abschiedsbesuche bei Menschen gemacht, die ich „vorher“ noch einmal sehen wollte. Ein paar stehen noch an. Inge, meine Frau, erwähnt gefühlt einmal täglich, wie lange ich doch abwesend sein werde. Auch ein Miniatur-Vorwurf schwingt da mit, aber ein wirklich sehr kleiner. Heute hat sie mir ein Blümchen in einer gläsernen Kugelvase mitgebracht (es steht direkt vor mir auf dem Fensterbrett), eine weiß blühende Kalanchoe, „damit du dich noch eine Weile daran erfreuen kannst, und wenn du weg bist, stelle ich sie zu mir runter, und immer, wenn ich sie sehe, werde ich an dich denken“. Wie schön. Immerhin, wir haben uns 1974 kennengelernt. Mitkommen mag sie aber nicht. Zwei Monate sind ihr, absolut gesehen, zu lange, und relativ betrachtet hat sie einfach Orchestertermine, die sie nicht verpassen will.

17. November

Gestern hat sich eine sympathische Neuigkeit ergeben: Meine Freundin Ursl fährt am 1.12. mit mir nach Frankfurt. Wir werden schön zusammen zu Abend essen, sie übernachtet bei mir, und wenn ich mit dem Shuttle zum Flughafen fahre, fährt sie weiter nach Mannheim. Und der Witz an der Sache: Das kostet fürs Zimmer nur 2 Euro zusätzlich.

Heute mal mit Zirkeltraining angefangen, die ich mir für Guatemala vorgenommen habe, da ich dort kein Kieser-Training machen kann. In kurzer Folge: Hampelmann, Wandsitz, Liegestütz, Crunch, Step-up auf Stuhl, Kniebeuge, Trizeps-Dips, Unterarmstütz, Kniehoch im Stand, Ausfallschritt, Liegestütz mit Drehung, Seitstütz.

26. November

Jetzt sind’s nur noch ein paar Tage bis zum Abflug. DasBauchgrummeln ist leiser als gewöhnlich. Da ich den Großteil der Zeit bei meinem Sohn Alistair und seiner Partnerin Lucia sein werde, entfallen alle Unsicherheiten, die sich durchs Alleine-Wohnen in einem derart fremden Land ergeben. Ich vermute deshalb, dass mein Tagebuch intimer, persönlicher ausfallen wird als sonst. Das wird in zweierlei Hinsicht eine Gratwanderung sein: Was kann ich von meinen Gedanken, Gefühlen und Wahrnehmungen öffentlich machen, ohne ins Exhibitionistische abzugleiten, und was von Alistair und Lucia (bei denen ich wohnen werde), ohne ihre Privatsphäre zu verletzen? Gar nicht so einfach.

30. November

18.22 Uhr: So, alles gepackt. Ganz zum Schluss ist mir noch der Reisepass eingefallen. Typisch ich. Aber immerhin. Im Prinzip könnte ich jetzt losfahren. Nur noch den Laptop und des Elektronikzeugs in den Rucksack packen und los. Vorhin hab ich eine volle Stunde mit meiner Tochter Lena geplaudert. Wunderbar. Nachher werden wir (Inge, Gerd, Saif und ich) noch ein wenig zusammensitzen; ich hab mir Beutelsbacher Früchte-Punsch (mit Bio-Holundersaft aus Wildfrüchten) besorgt. Schmeckt heißt gemacht bestimmt superlecker.

1. Dezember

5.46. Heute ist mir sehr bewusst: 2 Monate, das ist 1/6 Jahr, das ich unterwegs sein werde, sogar etwas mehr. Das ist lang, und doch wird die Zeit verfliegen. Es entsteht so etwas wie „Verantwortung für meine Zeit“. Wie gehe ich damit um? Wie achtsam, wie freundlich, wie zugewandt? Nicht nur anderen gegenüber, sondern auch mir?

13.18: Erstaunlich, was einem noch so an Kleinigkeiten einfällt, z.B. die überflüssigen Karten aus meinem Portemonnaie nehmen. Inzwischen wartet mein Koffer an der Haustür auf mich. Jetzt mag ich noch ein wenig Spanisch lernen, hab ja schließlich Hausaufgaben zu erledigen. Und danach mit Inge einen letzten Kaffee trinken. Gegen 15 Uhr fahren wir von hier zum Bahnhof.