2. Dezember
Dass Ursl mich nach Frankfurt begleitet hat, war natürlich eine feine Sache, ein fließender Übergangen vom Zu-Hause-Sein zum Unterwegs-Sein. Der Flug hat diesmal weit besser geflutscht als letztes Mal, wenn man mal von dem um 30 Minuten verspäteten Abflug absieht. Links neben mir saß ein Ingenieur, der „rüberflog“, um einem Aluminium-Walzwerk bei technischen Problemen zu helfen. Anfangs war er so maulfaul, aber irgendwann hat er die Kurve gekriegt und wir konnten uns ganz gut unterhalten. Die neun Stunden Flug wollen schließlich rumgebracht werden. Brechts Dreigroschenroman hab ich schon zur Hälfe gelesen.
Ich hatte drei Stunden Zeit zum Umsteigen. Das klingt viel, aber wenn die Warteschlangen am Zoll lang sind und die Abfertigung sehr schleppend, sind auch drei Stunden kurz. Und die 30-minütige Verspätung würde auch zu Buche schlagen. Doch alle Befürchtungen erwiesen sich als überflüssig. Die Schlange war mäßig, vielleicht 50 Leute vor mir, und die Abfertigung ging einigermaßen rasch: „Wo wollen Sie hin, was wollen Sie in Guatemala. Aha.“ Diesmal keine dummen Fragen, ob ich Waffen oder Sprengkörper bei mir trage. Als nächstes war das Gepäck abzuholen und für Guatemala neu einzuchecken. Auch das ging einigermaßen flott (ca. 20 Minuten gewartet), und dann kam die Überraschung. Ich musste den Koffer nicht selbst aufgeben, sondern es gab ein Sammelcheck-in für Transitpassagiere. Ist zwar ein mulmiges Gefühl, seinen Koffer irgendwo zu anderen Koffern im Gang zu stellen … hm, dann die erneuten Sicherheitskontrollen, aber schließlich war ich im Abflugbereich und konnte noch über eine Stunde aufs Boarding warten. Also alles ganz gemütlich. Glück gehabt. Der Flug nach Guatemala City, knapp vier Stunden, war dann fast schon ein Klacks. Neben mir saß ein junger Guatemalteke mit fließendem Englisch; die Hälfte der Zeit hab ich verschlafen. Bei den Anmeldeformalitäten dort hatte ich eine junge Mitreisende an meiner Seite, die an mir ihr Deutsch ausprobiert hat, das sie an der Uni gelernt hat. Übers Flughafen-W-Lan konnte ich Alistair kontaktieren und über die WhatsApp-Gruppe mein von Ali organisiertes „Taxi“. Das war ein dicker, junger Mann, der im Café neben dem Ausgang auf mich wartete. Während der einen Stunde Fahrt übte er sein ganz leidliches Englisch mit bzw. an mir. Nach ca. einer Stunde, gegen 11 Uhr, waren wir in Antigua bei Alistair. Er war steinmüde und ich beinahe steinmüde, also ging’s nach einem kurzen Plaudern schnell ins Bett.
3. Dezember
Ausgeschlafen ohne Wecker. Mal sehn, ob ich’s diesmal schaffe, meine Zeit ohne Montezumas Rache (Durchfall) zu verbringen. Sie haben hier Umkehrosmose-Wasser, so dass von der Seite her nichts zu befürchten ist. Ich hab mir ne Flasche davon ins Badezimmer fürs Zähneputzen mitgenommen. Der erste Tag vergeht mit Abarbeiten von Würzburger Altlasten. Ich hoffe, dass ich aus meinen Verhaltensgewohnheiten rauskomme (E-Mails auswerten etc.) bzw. sie so einkürze, dass ich ausreichend zum Schreiben komme. Heute jedenfalls keinen Strich für mich getan, denn abends hab ich mich mit Alistair unterhalten, Lucia lag erkältet im Bett.
4. Dezember
Noch ist meine Arbeitseinteilung schwankend: Wo arbeite ich morgens fürs Wissensprojekt? Um fünf Uhr (hab’s geschafft, meine gewohnte Aufsteh-Zeit einzuhalten) ist es hier auch noch stockdunkel, erst gegen sechs dämmert es. Da hat’s dann im Haus vielleicht 16 Grad, ich hatte meinen Pullover an und ne Jacke drüber, um nicht auszukühlen. Der Wohnzimmertisch hat zwar von der Schreibhöhe her gepasst, aber mein Ladekabel war nicht lang genug, um die die nächste Steckdose zu erreichen. Nachdem es schon gedämmert hat, bin ich auf die kleine obere Terrasse umgezogen (mit mehr als genug erreichbaren Steckdosen); dort wurde es mir zu kalt, also hab ich mich um die Ecke in die aufgehende Sonne gesetzt, aber das war auch schon bald nichts mehr, weil es so hell wurde, dass ich vor lauter Spiegelung auf dem Bildschirm kaum mehr arbeiten konnte. Also zurück in den Schatten.
Aber gut, morgen wird’s einfacher, weil Alistair mir ein langes Verlängerungskabel gezeigt hat, so dass ich meinen Job vollständig im Wohnzimmer erledigen kann.
Die Morgenkühle hab ich mit einem 10-minüten Sonnenbad mit kleiner Meditation auf nem Liegestuhl erfolgreich bekämpft. Eigentlich wollte ich mich an meinen Roman setzen, aber die fehlenden Tagebucheinträge halten mich noch ne Weile auf.
Bild 1: Die Zufahrt zu unserem Condominio
Bild 2: Der bewachte Eingang
Bild 3: am Abend
Bild 4: meine Terrasse
Bild 5: mein vormittäglicher Arbeitsplatz (bis die Sonne zu stark wird)
6. Dezember
Was meinen Arbeitsplatz angeht, so hat sich inzwischen eine Routine herausgebildet. Früh morgens geh ich an den Wohnzimmertisch im Parterre. Später, wenn’s hell ist und warm zu werden beginnt, zieh ich in den ersten Stock auf meine Terrasse um. Ab Mittag wird’s dort zu grell und ich setz mich auf die Rückseite des Hauses.
Letzteres hat heute nicht stattgefunden, denn ich war, nach meiner morgentlichen Pflichtarbeit, einige Stunden mit Alistair aufm Roller unterwegs. Zunächst waren wir auf ner Finca am Stadtrand zum Frühstücken (Desayuno Chapín mit frijoles volteados = pürierte schwarze Bohnen, Rührei mit Tomaten, plátanos fritos (frittierte Kochbananen), crema (dicke Sahne) und tortillas de maíz). Wer davon nicht satt wird, dem ist nicht zu helfen. Anschließen sind wir in die Stadt gefahren und durch die Straßen gestreift (wo wirklich viel los war, es ist ja fast Wochenende), Kaffee getrunken in einem vegetarischen Café, das Christian gehört. Apropos Christian. Er hat uns gestern besucht, ist Lucias bester Freund.
Bild 1: Wirkt wie ein Hauseingang, ist auch einer, aber dahinter verbirgt sich eine ganze Gasse mit Häusern. Die Tür wird nachts abgeschlossen, so dass die Häuser dahinter geschützt sind.
Bild 2: Am Arco de Santa Catalina ist immer viel los.
Bild 3: Da Antigua Weltkulturerbe ist, sind hier Teerstraßen verboten. Straßenerneuerungen müssen nach antikem Vorbild erfolgen.
Bild 4: So sieht’s aus, wenn man den Hauseingang aus Bild 1 betreten hat.









WOW