31. Dezember

Eben war ich noch in der nächstgelegenen Apotheke, um mir mein Antihistaminikum zu besorgen. Als ich wieder ins Haus kam, bin ich wieder drauf reingefallen: Wer raschelt denn da? Nun, niemand, es ist die Hängehelikonie, die schon bei wenig Wind im Patio zu rascheln beginnt.

Heute Morgen, so gegen halb zehn, hab ich mir – nicht zum ersten Mal – ein Sonnenbad auf der kleinen Morgenterrasse gegönnt. Mitten im Winter, nur mit ner Short, in der Sonne liegen, das hat schon was. Sollte ich für Würzburg im Sommer beibehalten. Das verleiht dem ganzen Tag einen sonnigen Geschmack.

1. Januar

Feuerwerk über Antigua

Feuerwerk über der alten Stadt.
Die Menschen jubeln,
indigenes, mestizos, gringos.
Und ich?
Kinder bleiben wach, wirr im Kopf vor Müdigkeit, so wenig wach
wie wir.
Jetzt, jetzt, ist das neue Jahr angebrochen,
es ist erst zwei Minuten alt.

Vor einer Stunde haben sie in New York
Raketen abgeschossen,
vor drei Stunden in Buenos Aires,
vor sieben in Paris und Berlin
vor dreizehn in Peking,
vor zwanzig Stunden in Tonga,
in einer Stunde in Denver,
in drei in Anchorage,
in sechs in Samoa.

Feuerwerk über Samoa.
Feuerwerk, das aufspringt und verglüht,
Menschen, die geboren werden und sterben.
Wann begann das neue Jahr?
Vor 20 Stunden oder in sechs?
Egal, die Freude ist der gemeinsame Nenner,
die Hoffnung auf Morgen, auf Zukunft
und ein bisschen oder vielleicht mehr
Glück im neuen Jahr,
auf ein bisschen oder vielleicht mehr
Frieden und Vernunft und
weniger Tränen und Trauer und Tod.
Schon ein bisschen weniger wäre mehr.

Vielleicht ein Feuerwerk
für eine neue Stadt.

Heute Morgen bin ich auf Lenas Rat (meine Tochter) hin zum Café Viejo gefahren, dem Alten Café (seit 1999). Es war ein positiver Kulturschock. Als ich es gefunden hatte, gab es schon eine Doppelschlange am Eingang. Zum Glück habe ich mich nicht angestellt, sondern herausgefunden, dass 90 Prozent der Schlange sich an der Brot- und Kuchentheke angestellt hatten. Nach 10 Minuten fragte mich die „Platzanweiserin“, ob ich mich auch an die Bar setzen würde. Das war mir recht, denn das Café war rammelvoll, bestimmt an die 150 Leute an den Tischen. Auf einem Barhocker habe ich mir das Frühstück Viejo Panzón“ bestellt, was so viel wie „Alter Bierbauch“ bedeutet. Hätte ich mir die Mühe gemacht, es gleich nachzuschauen, hätte ich’s wohl nicht bestellt. Klingt nach viel! War aber schaffbar und von der Qualität her beeindruckend. Der warme Bohnenbrei (Konsistenz wie Apfelmus), der hier zu nem guten Frühstück gehört, war definitiv der beste, den ich bisher gekostet habe. Dazu zwei Spiegeleier medium (ich wurde gefragt, wie ich sie haben will), ein Stück Kochbanane, eine kleine geräucherte Wurst, ein Schälchen würziges Tomatenpüree, ein Schälchen dicke Sahne, Orangensaft (nicht frisch, aber gut) und eine Tasse Kaffee. Innerlich hab ich mich angesichts der vollen Tische auf eine halbe Stunden Warten eingestellt, aber der Kaffee – in einer Qualität, die man bei uns allenfalls in der Kaffeemanufaktur bekommt – war nach zwei Minuten da und das Frühstück nach ner Viertelstunde; ein kleines Wunder.

Wie das zustande kommt, konnte ich an der Theke live mitverfolgen. Da arbeiteten fünf oder sechs junge Männer, die die Kaffeemaschinen bedienten und die Saftbehälter, die zum Kaffee gereichten Kekse auflegten, aber auch die entsprechenden Behälter nachfüllten und Geschirr nachräumten, Rechnungen mit einem Stempel bestätigten (hab ich nicht verstanden, wozu), kassierten … und zig Kleinigkeiten mehr, alles hinter der Bar auf eine Strecke von vielleicht vier Metern und einer Breite von 1,50 m. Dabei kamen sie einander nie in die Quere, arbeiteten mit einer unüberbietbaren Geschwindigkeit, und sobald einer zehn Sekunden Verschnaufpause hatte, half er seinem Nachbarn. Als mein Frühstück serviert wurde, stand eine neue Tasse Kaffee dabei, ohne dass ich sie bestellt hatte. War mir sehr recht (und wurde auch nicht berechnet). Als „Nachspeise“ hab ich mir noch eine Mousse bestellt, die ich beim Hereinkommen erspäht hatte, und zwar eine Mousse de Maracuya. Sehr, sehr köstlich und dicht, gar nicht schaumig. Und wie sich das so für einen deutschen Gringo gehört: Ich hatte nicht besonders auf die Preise geachtet und habe dann exakt 100 Quetzales bezahlt, also an die 12 Euro.

Da bei dem Rummel nicht an Arbeiten zu denken war, bin ich gleich wieder heimgefahren und hab diesen Tagebucheintrag geschrieben.

3. Januar

03.19: Um 20 nach zwei Uhr morgens krachen neben mir noch ein paar Feuerwerkraketen. Natürlich bin ich aus dem Schlaf hochgeschreckt. Das Adrenalin plus ein grade unerfreulicher Lungenzustand lassen mich nicht mehr einschlafen. Also steh ich auf und beginne mit der Morgenroutine. Als Gegenmittel hab ich schon mal ne Banane gefuttert. Jetzt sitze ich an meinem Datenbankjob (https://www.neuer-weg.com/suchen/themen).

4. Januar

Gestern fuhr ich – nach der Morgenarbeit und einem notwendigen Morgenschläfchen – mit dem Roller (8,6 km) nach San Antonio Aguas Calientes. Unterwegs kam ich wieder ein einer großen Prozession vorbei mit einem riesigen Madonnenaltar, den mindestens 30, 40 Leute tragen mussten, so groß war er. Natürlich hab ich kurz innegehalten. Sollte ich das fotografieren? Hab mich dann dagegen entschieden und bin zu meinem eigentlichen Ziel weitergefahren, dem Museo Casa Del Tejido Antiguo, einem kleinen, liebevoll gemachten Textilmuseum einheimischer Stoffe. Ich werde die Bilder einiger Stücke hochladen, damit man sich eine grobe Vorstellung von der hiesigen Textilkunst machen kann und dazuschreiben, was meine hübsche, 16-jährige, ganz gut Englisch sprechende Führerin Lindsay dazu wusste. Sie trägt einen Corte (Rock) und eine Huipil (Bluse, beide von ihrer Mutter gewebt), die bevorzugt mit Pflanzen-und Tiermustern gewebt bzw. bestickt ist.

Fajas [sprich: Fachas] heißen die handgewebten Stoffgürtel, die den Wickelrock fixieren und die Tracht zusammenzuhalten. An der Breite des Faja kann man erkennen, ob es sich um eine alleinstehende Frau, eine Verheiratete Frau oder eine Großmutter handelt.

Der Kopfschmuck Tokoyal [sprich: Tokojal] unterscheidet sich stark je nach indigener Gemeinde. Er soll an die wichtige Mayagöttin Ixel [sprich Ischél] erinnern, der Göttin des Mondes, der Fruchtbarkeit, Geburt, Heilkunde und Webkunst.

Jede Bevölkerungs-/Sprach-/Kulturgruppe (es gibt 22 Maya-Sprachen und 2 weitere indigene, die sich alle so stark – wie Rumänisch von Italienisch – voneinander unterscheiden, dass sie sich, ohne Spanisch, kaum verständigen können) hat unterschiedliche Webmuster, -farben und -designs, so dass sie sich daran erkennen und unterscheiden können. Hier zwei Beispiele.

Der ausgeprägte Kragen erinnert an K’inich Ajaw [sprich Kinitsch Ahau], den Gott des Tageslichts, der Sonne, Wärme, Lebenskraft und königlichen Autorität. Einen vergleichbaren Kragen gibt es an keiner anderen Tracht.

Das typische Muster auf diesem Rock spricht dafür, dass die Weiblichkeit die Mitte allen Lebens ist.

In San Antonio Aquas Calientes ist es Tradition, dass die künftige Schwiegertochter für ihre Schwiegermutter einen besonders schönen, ponchoartigen Stoff webt. Ist sie mit dieser Arbeit und der gewählten jungen Frau einverstanden, dann legt sie sich diesen Stoff um die Schultern (auf dem ersten Bild trägt Lindsay ein solches Prachtstück). Wenn nicht, dann faltet sie den Stoff zusammen und trägt ihn über dem Arm, kann ihn aber behalten und die Arbeit eines ganzen Jahres war für die potenzielle Schwiegertochter vergeblich.

Bei einer Volksgruppe nimmt die Braut vom Stoff, den sie für die eigene Hochzeit webt, einen Teil, den sie als Kragen an den Web-Bluse ihre Bräutigams näht.

Hier zeigt sie mir das kostbarste Stück des Museums, einen breiten Wandbehang in der Brokat-Webtechnik, bei der Vorder- und Rückseite Schauseiten sind. für 6.500 Dollar hätte ich ihn erwerben können.

Viel Liebe wird auch auf Babytragetücher verwendet, hier ein besonderes schönes Stück (war schräg aufgehängt).

Maya-Frau mit der traditionellen Webtechnik.

Die Tochter des Museumsgründers (mit künstlichen Wimpern ☹)

Anschließend bin ich ins Zentrum von San Antonio runtergefahren, wo es wie hier einen Parque Central gibt. Bin da ne Weile rumspaziert und schließlich in einem einheimischen kleinen Restaurant gelandet, einem Comedor (wörtlich ungefähr: Esserei, Speisesaal) mit vielleicht 20 Plätzen. Der kleine Grill war angeworfen und ich hab einfach dasselbe bestellt, was das Ehepaar am Nachbartisch vor sich hatte: lo mismo, por favor! War prima und mit Mühe zu schaffen. In einem kleinen Nebenraum hatten sie einen kleinen Altar eingerichtet mit brennenden Kerzen davor. Das Altarbild zeigte einen Priester und Heiligen, der hier zur Kolonialzeit viele Menschen geheilt haben soll.

Auf dem Rückweg war die Prozessionsveranstaltung noch immer zugange. Unvergesslich – links oberhalb der Straße auf einer erhöhten Parallelstraße vor einer Kirche – die Prozession der Jungfrauen (so würde ich das nennen), die in mir in meine Richtung entgegenkam, 30 bis 40 ganz in Weiß gekleidete Mayamädchen, ich würde schätzen zwischen 12 und 14 Jahren, die mit andächtigen, dunklen Gesichtern stolz in Richtung Kirche schritten. Am Straßenrand rechts von mir Hunderte von Menschen, die das verfolgten. WOW!

Am späteren Nachmittag/Abend/Nacht hatte ich zwei ungewöhnliche Erlebnisse:

Bei einer Meditation auf der oberen Terrasse hatte sie eine unserer Katzen, Oso (der Bär), vor mich auf meinen Außenschreibtisch gesetzt und erst eine Weile auf Antigua hinuntergeblickt. Dann wechselte er die Position in Richtung Wand, setzte sich auf einen Stuhl in Richtung Wand, geradeso, als würde er auch meditieren, und saß da ziemlich lange sehr still und aufrecht. Und auf einmal hatte ich den Eindruck, ich könnte so fühlen wie er: Der Eindruck einer tiefen, spiralförmigen Tiefe, sehr ruhig und konzentriert, gleichzeitig sehr sprungbereit und unerschütterlich stolz. Für mich eine besondere Art der Horizonterweiterung.

Eine Weile später, so gegen sechs Uhr, hatte ich mich zur Weiterarbeit an meinem Roman hingesetzt, als ich nochmals müde wurde. Ich legte mich aufs Sofa der oberen Außenterrasse, schlief aber nicht ein, sondern verfiel in einen köstlichen Dämmerzustand, ein Gefühl, als würde ich träumen, weich, warm und luzide, gleichzeitig bekam ich alle Geräusche und Licht- und Stimmungsänderungen mit, etwa die Partymusik in einem Nachbarhaus. Es war wie schwimmen in warmem Meerwasser nahe am Strand, wellenförmig, mal mehr auftauchend, mal mehr abtauchend, aber immer begleitet von einer friedlichen, glücklichen Seligkeit, die selbst dann nicht endete, als ich aufstand, um mir meine Decke zu holen, weil es kühl geworden war. Die Farben der Dinge um mich herum, insbesondere die der großblättrigen Pflanzen, intensivierten sich zwischendurch so sehr, dass sie wie konturiert wirkten, ganz ähnlich wie man das kennt, wenn man ein Bild von farbig auf schwarz-weiß umstellt, nur dass eben die Farben erhalten blieben. Wüsste ich es nicht besser, dann hätte ich für die Ursache dieses Zustands auf eine psychedelische Droge getippt; es war ein Surfen auf Bewusstseins-, Wahrnehmungs- und Gefühlswellen. Schließlich entschloss ich mich, die ganze Geschichte im Schlafsack weiterzuverfolgen. Beim Weckerstellen tippte ich auf halb neun, neun, es war aber zwanzig vor elf!