6. Dezember/2

So, jetzt stehen auch alle Fotos online. Hat ziemlich viel Zeit gekostet. Ich musste erst wieder begreifen, wie das geht.

Vor den Tagebucheinträgen hab ich ne Stunde Spanisch gelernt. Das ist jeden Tag eine Herausforderung. Mal denk ich, meine Ansprüche an die Geschwindigkeit des Lernens sind zu hoch, mal mein ich, in ein altes Hirn will nichts mehr so recht rein, aber dann freu ich mich, wenn ich mich an Gestriges erinnere usw. Ganz eindeutig brauche ich nicht versuchen, mir abends was einzuprägen. Das ist morgens ziemlich sicher weg. Umgekehrt klappt’s ganz gut.

Jetzt ist es halb neun Uhr abends und ich bin schon so groggy, dass ich mich hinlegen werden, nachdem ich hier meine letzten Worte niedergeschrieben habe. „Letzte Worte“ – wie das klingt. Immerhin gelingt es mir noch, die E-Mails auszuwerten, wenn ich auch noch einige Antworten schuldig bleibe.

9. Dezember

Gestern haben wir im Supermarkt ein paar Sachen eingekauft, die auch für mich passen, z.B. eine Nussmischung. Lucia macht aus gesundheitlichen Gründen eine strenge Diät: Null Kohlenhydrate, keine Nachtschattengewächse (Tomaten, Paprika, Kartoffeln), keine Milchprodukte. Heute Morgen also Toast mit guatemaltekischem Cheddar, Radieschen und Avocado. Letztere haben grade Hochsaison und fallen von den Bäumen wie bei uns die Äpfel im Herbst.

Was auch nur hier geht, ist Limettenwasser tagsüber. Die Limetten sind erntefrisch und bei weitem nicht so sauer wie in Deutschland. Das funktioniert super mit einer Limettenpresse. Sieht aus wie eine überdimensionale Knoblauchpresse.

Gestern wurde mir bewusst, dass mich die Lust auf Kohlenhydrate umtreibt (z.B. nach meinem geliebten Marzipan). Aber nicht nur das, denn die Maistortillas hier sind auch Kohlenhydrat-Pakete, sondern auch der Brotgeschmack, heute Morgen mit den Toasts einigermaßen befriedigt wurde. Gestern Abend haben wir auch Tostadas besorgt. Das sind knusprig frittierte oder trocken gebackene Tortillas, so ne Art Mais-Knäckebrot. Das mag ich auch gern.

Vorgestern Abend waren wir auf einem berühmten Fest: Quema del Diavolo, was so viel heißt wie Verbrennung des Teufels. Tatsächlich waren drei übereinander gebundene Dämonenfiguren, die unter großem Tamtam angezündet wurden. Das gab ein Riesenfeuer mitten in Antigua mit mindestens 10.000 Menschen ringsum, allerdings auch einem Feuerwehrwagen mit spritzbereiter Kanone.

Quema del Diavolo findet einen Tag vor Mariä Empfängnis statt und soll (natürlich) ein Reinigungsritual sein. Und (natürlich) wird das „Böse“ im Jahr symbolisch verbrannt, auch Gerümpel von Haushalten. Unten füge ich ein paar Bilder davon hinzu. Alistair traf zufällig einen guten Bekannten, der mit seinen Eltern und einem Onkel unterwegs war. Alistair und ich hatten schon eine Doppelportion Streetfood gegessen: ein krapfenartiges Gebäck und Kochbananen in Schokosoße. Aber jetzt wurde beschlossen, dass wir alle zusammen in ein italienisches Restaurant gehen. Dort hab ich mir mit Alistair eine Portion Gnocchi geteilt (er zwei, ich ein Drittel), aber von den Guatemalteken mussten wir unbedingt noch in Pizzastück probieren (das auch ausgezeichnet war). Nachts wusste ich dann nicht, wie genau ich mich vor lauter vollem Bauch hinlegen soll. Es war ein sehr netter Abend, der Vater von Alistairs Bekanntem sprach auch gut Englisch, so dass wir uns gut unterhalten konnten. Es stellte sich heraus, dass er der Schwager eines ehemaligen Präsidenten Guatemalas war, einem General. Dazu passt auch sein Beruf: Er hat das erste und größte Sicherheitsunternehmen in Guatemala gegründet. Auf Fotos hat er mir seine Villa gezeigt, sehr modern und sehr groß. Der General musste natürlich im Bürgerkrieg (der hier 36 Jahre gewütet hat) die Guerilleros bekämpfen.

[Wen‘s interessiert:

Ziele der Guerillabündnisse waren:

  • Volksdemokratische Revolution
  • Inklusion der Maya-Bevölkerung
  • Aufbau einer pluralistischen, sozial gerechteren Gesellschaft
  • Respekt der Menschenrechte
  • Abschaffung des oligarchischen Machtblocks
  • Teilhabe von Arbeitern, Bauern, Indigenen und städtischer Mittelschicht
  • Bildungszugang und Alphabetisierung
  • soziale Gesundheitsversorgung

Zur Bekämpfung der Guerilla führte die Regierung einen Vernichtungskrieg gegen die gesamte Mayabevölkerung, unabhängig davon, ob man dort Guerilla-Standorte kannte. Die von der UN-gestützte Wahrheitskommission CEH (Comisión para el Esclarecimiento Histórico) kam zu folgendem Ergebnis:

  • 626 dokumentierte Massaker, fast alle durch Armee oder paramilitärische Einheiten
  • über 200.000 Tote und Verschwundene
  • etwa 83 % der Opfer waren Maya-Indigene

Das Ganze wurde international als Völkermord klassifiziert und erst im Dezember 1996 beendet.

Immerhin bekamen einige zehntausend Familien Land, trotzdem blieb der Großgrundbesitz im Wesentlichen erhalten. Oligarchische Familien kontrollieren immer noch Wirtschaft, Medien und Politik. Gewalt gegen Aktivist*innen und indigene Führungspersonen weiterhin üblich. Trotzdem: Indigene Gemeinden dürfen heute in 48 Kanonen ihre internen Angelegenheiten nach eigenen Traditionen, Normen und Autoritäten regeln. Viele Maya-Gemeinden betreiben gemeinschaftliche Landvergabe, kollektive Waldpflege und gemeinsame Nutzung von Wasser, Weiden, Dorfflächen. Generell ist Landbesitz wenig individualisiert. Land gehört der Gemeinschaft, nicht dem Individuum. Allerdings sind kollektive Landrechte kaum gesetzlich geschützt.]

Tja, alles nicht so romantisch. Gestern war der 1. Tag, an dem ich so einigermaßen zum Schreiben meines Romans kam: „4714 – Briefe von Milena. Die Geschichte des Mannes F mit sieben Frauen“, wenigstens vier Stunden täglich. Das ist ja auch die Kernmotivation, weshalb ich hier bin. Eine Präsentation des unfertigen Romans findet ihr HIER.  Vorsicht, keine falschen Schlüsse: Die Namen dort entsprechen nicht wirklichen Personen.