30. November, Dienstag
Nicht gut, dass ich so faul bin, denn erstens muss ich dann viel nachholen, und zweitens vergesse ich dann auch ne Menge.
Als fange ich mal mit dem Neuesten an. Da ich schon einen Plan für heute Nachmittag hatte, bin nach meiner Morgenarbeit erst mal zum Cerro de la Cruz (Kreuzhügel) gelaufen. Wenn man schnell geht, schafft man’s in ner halben Stunde hin. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt und die gegenüberliegenden Berge. Bin dann noch ungefähr 100 Meter weiter hochgestiegen, aber der Pfad (sendero) endete uninteressant auf eine Teerstraße. Na ja, das weiß ich jetzt auch.
Alistair und Lucia sind heute Mittag – hochzeitsmäßig – an den Lago Atitlan gefahren, wo sie bis Sonntag bleiben werden. Alistair war noch extra für mich einkaufen, damit ich nicht verhungere. Dem habe ich schon mal gegengehalten, indem ich nach meinem späten Mittagsschläfchen auf der oberen Terrasse mit dem Roller zu „Fernando’s Kaffee“ gefahren bin. Dort hab ich einen Thunfisch-Sandwich gegessen, ein großes Glas „Rosa de Jamaica“ getrunken (Hibiskus-Limonade), danach nen Kaffee mit zwei Keksen. Parallel und darüber hinaus war ich mit dem Milena-Roman beschäftigt. Da das Kaffee um 18 Uhr dicht macht und ich nicht wusste, wann der bewachte Parkplatz (50 m weiter) schließt, hab ich meine Parkgebühr bezahlt (48 Quetzales = ca. 6 Euro, nicht grade billig, aber alle kostenlosen Motorradeparkplätze waren dicht; hier gibt es eine Menge überwiegend kleine Motorräder und Roller, weil viele sich kein Auto leisten können und man damit auch schneller vorwärtskommt) und bin nach Hause geholpert. Das muss man sich so vorstellen: Ich schau aufs Navi, präg mir zwei, drei Abzweigungen ein, bin mir dann nicht mehr ganz sicher, ob ich ne Abfahrt verpasst habe, bleib stehen, schau wieder usw. Na ja, ca. 10 Minuten später war ich zu Hause.
Erst überlege ich mir, ob ich mich nicht wieder an Lucias Schreibtisch begeben soll, weil’s Morgen früh ja kühl sein wird, aber dann überwiegt die Vorfreude auf Alistairs romantischen Arbeitsplatz im Außenwohnzimmer auf der unteren Terrasse, umgeben von großen Pflanzen und gelegentlich kläffenden Hunden nah und fern. Ich hol mir das Limettenwasser von oben (ich hab mir gestern ne ganze Literflasche davon abgefüllt), schalte im Innenwohnzimmer zwei Alkoven-Beleuchtungen ein – das verstärkt die Romantik – und mach mich ans Tagebuchschreiben.
Gestern Morgen herrschte hier Aufregung, weil die Wasserdruckpumpe ihren Geist aufgegeben hatte; also kein Wasser im ganzen Haus. In dem Zusammenhang hab ich erfahren, wie das hier mit der Wasserversorgung funktioniert. Die öffentliche Wasserleitung der Kommune hat zu wenig Druck, so dass jedes Haus mit einer Druckpumpe und einem Wasservorratsbehälter ausgestattet ist. Die Druckpumpe sorgt nicht nur für den Wasserdruck, sondern befüllt auch den Container, sobald dessen Pegel unter ein gewisses Niveau absinkt. Damit ist gewährleistet, dass die Häuser auch dann Wasser haben, wenn die öffentliche Wasserleitung mal schwächelt – was nicht oft, aber oft genug vorkommt. Tatsächlich stand der Klempner auch zwei Stunden später auf der Matte. Alles halb so schlimm, meinte er, es ist nur ein Ansaugrohr kaputtgegangen, mit dem die Pumpe das Wasser aus der öffentlichen Leitung holt. Zwei Stunden später hatte er es ausgewechselt. Wie lange würde man wohl in Deutschland auf den Klempner warten?!?
Am Samstag war Alistairs und Lucias Hochzeit, keine christliche, sondern eine (auch hier eher seltene) Mayahochzeit, ausgerichtet von Nana, einer Maya-Zeremonienmeisterin, eine Frau mit einer unvorstellbar liebevollen Ausstrahlung, eine Art in einen Menschen gegossene Freundlichkeit. Stattgefunden hat das Ganze in einem Restaurant auf der Finca Azotea (https://laazotea.gt). Zum Restaurant gehört eine schmale, überdachte Säulenhalle und davor ein runder Sandplatz von ca. 25 Metern Durchmesser. Darauf waren 23 Stühle im Rund aufgestellt, in der Mitte ein runder, blumengeschmücker Feuerplatz und dahinter zwei Stühle für das Brautpaar. In der Säulenhalle lehnten die Symbole der 20 Nahuales an der Rückwand (im Detail geschildert hier: https://eaglesnestatitlan.com/de/2025/08/23/Maya-Astrologie).
[In der Maya-Kosmovision ist der Nahual (oder Nawal) der Schutzgeist, die Lebensenergie oder das Tier-Gegenstück, das einen Menschen von Geburt an begleitet. Er dient als spiritueller Führer und beeinflusst die Persönlichkeit sowie das Schicksal einer Person. Meiner ist Ix [sprich: Isch], der Jaguar, wie mir Lucias Tante ausrechnete; er steht für die weibliche Energie, die Mutter Erde und die Magie der Berge. Jeder Nahual kommt 18 mal im Jahr vor. Und am Samstag war ausgerechnet der Tag des Ix!). Jeder Besucher wird, bevor er den Zeremonienplatz betritt, kurz mit besonderem Rauch „gereinigt“.]
Die ganze Hochzeitszeremonie, die mit gegenseitigem Ringanstecken und einem Kuss endet, dauert ca. drei Stunden. Warum so lang? Aus zwei Gründen: Zum einen fordert die zeremoniell gekleidete Nana auf Spanisch (für mich mit Übersetzung durch Felix und Alistair) alle im Kreis Sitzenden auf, dem Brautpaar Segenswünsche mit auf den Weg zu geben. Inklusive der Erklärungen und Gebete dauert das jeweils zwischen 5 und 10 Minuten. Dazwischen beschwört die Nana in ihrer indigenen Sprache die 20 Nahuales, ihre Energie dem Paar zur Verfügung zu stellen.
Im Hintergrund (hinter mir in der Säulenhalle) spielte die ganzen drei Stunden lang Byron Blanco [der weiße Byron], der Adept der Nana, sehr variantenreich auf der Trommel, blies auf einer (Pan)-Flöte oder auf einer Tierflöte. Diese Tierflöten sind etwas ganz Besonderes und typisch für Maya-Zeremonien. Sie produzieren verblüffend echt klingende Tierstimmen bzw. -schreie und werden von ihren Nutzern traditionell selbst aus Ton gefertigt. Faszinierend fand ich diesen Zusammenhang: Zu Beginn der Zeremonie kreisten fünf oder sechs Geier relativ niedrig über den Bäumen, große, schöne, eindrucksvolle Vögel. Zu diesem Zeitpunkt stimmte Byron die Adlerflöte an (ich hatte das vermutet und Lucia bestätigte es später) mit anfänglich so echten Adlerschreien, dass ich nach oben sah und nach einem Adler Ausschau hielt. Dann begannen die Geier abzudrehen und kamen auch nicht mehr nahe heran.
[Wen’s interessiert, mich allemal: ein kleiner Exkurs zu den Maya nach Lucias Darstellung. Die Maya betrachten sich als die Hüter der Zeit. Als sie von den Gringos, also den Weißen, vertrieben und unterdrückt wurden, haben sie ihre Kultur zurückgezogen und so gut verborgen, dass „man“ dachte, es gebe sie nicht mehr. Sie wurde aber im Geheimen weitergetragen, meist in Form mündlicher Tradition. Nach ihren Berechnungen konnten sie erst wieder 2012 ihre Kultur in die Öffentlichkeit tragen. Seitdem gibt es einen sehr starken Impuls hin zur Mayakultur in allen Maya-Hauptregionen, also Mexiko, Guatemala, Belize, Honduras, El Salvador] auch in der modernen Kunst. Faszinierend für mich gelernten Katholiken: Bei den Maya gibt es nicht den Begriff der Sünde, sondern nur die Vorstellung einer durch Fehlverhalten entgleisten Balance, die wiederherzustellen ist. Das kann durchaus drastische Maßnahmen erfordern.
Ein besonderes geheimes Ritual ist das Maya-Ballspiel, das viermal im Jahr erfolgt: zur Frühlings-Tagundnachtgleiche, Sommersonnenwende, Herbst-Tagundnachtgleiche und Wintersonnenwende. Zu diesen vier Zeiten spielen Tag und Nacht (Oberwelt-Unterwelt) eine besondere Rolle, weshalb die beiden Mannschaften das Wechselspiel von Ober- und Unterwelt symbolisieren. Im heiligen Buch Popol Vuh wird beschrieben, wie die „Göttlichen Zwillinge“ die Herren der Unterwelt in einem Ballspiel besiegten, um das Leben zu retten. Es gibt verschiedene Varianten des Spiels je nach Region, aber grundsätzlich gilt: Die Teams von bis zu vier Spielern versuchen, den Ball in der Luft zu halten. Ein sofortiger Sieg ist möglich, wenn der Ball durch einen der hoch an den Seitenwänden angebrachten (Stein-)Ringe befördert wird – eine extrem schwierige Leistung, da nur mit Hüfte, Ellbogen oder Knien gespielt werden darf. Der Ball selbst wird für das Spiel von Hand aus Kautschukfäden gewickelt (kann man sich wie ein riesiges Wollknäuel vorstellen) und wiegt bis zu vier Kilo. Aufgrund seiner Härte tragen die Spieler oft Schutzausrüstung aus Leder oder Holz. Obwohl das Spiel (bekannt als Pitz) die letzten 200 Jahre jedes Jahr viermal gespielt wurde, hielten es die Weißen für ausgestorben. Byron ist auch ein Pitz-Spieler. Erst seit 2022 dürfen Gringos zuschauen.]
So, was gibt’s noch zu sagen? Weihnachten waren wir zu sechst: Alistair, Felix (Alistairs Freund), Lucia (von ihren Freunden meist Lucy genannt), Carol (Lucias Mutter), Alvaro (Lucias Onkel) und ich. Alistair hatte ein wunderbares Ochsenschwanz-Ragout gekocht (das Fleisch hat ca. 30 Stunden bei niedriger Hitze gegart), dazu gab’s kleine Salzkartoffeln, einen Bohnensalat, zwei grüne Salate und guten Rotwein. Danach gabs einen fließenden Übergang vom Wohnzimmer zur unteren Terrasse/Außenwohnzimmer, weil da ja geraucht werden konnte (von Lucia und Alvaro). Erst war Musik im Hintergrund an, dann wurde ein Spiel daraus: Wer wünscht sich was, dabei auch Popklassiker von z.B. den Beatles, aber auch viel Spanisches, zum Mitsingen. Dafür gab’s eine Handy-App, die den Text zur jeweiligen Strophe eingeblendet hat.
Gegen 10 Uhr verabschiedete sich Felix, der noch unter Jetlag litt. Um ihn nicht zu stören, wurden die Terrassentüren geschlossen, vorher der Lautsprecher nach draußen getragen. Alistair räumte drinnen auf. Gegen Viertel vor elf verabschiedete er sich, ich selber hab noch ein wenig ausgehalten. Doch wurden mir die Lieder immer fremder und Lucia, Alvaro und Carol bildeten allmählich eine fest Gesangseinheit. Draußen krachten immer mehr Böller. Hier wird an Weihnachten genauso geböllert wie bei uns an Silvester. Um halb 12 Uhr hab ich mich hingelegt, mehr als fünf Seiten Lesen waren nicht mehr drin, aber zum Schlafen kam ich erst ’ne Stunde später, denn von kurz vor zwölf bis fast halb eins hat sich’s oft so angehört, als würde auf unser Haus geschossen.
Ich glaub, jetzt hab ich mich einigermaßen umfassend zurückgehangelt. Hoffentlich komme ich das nächste Mal schneller zum Schreiben.
Die Bilder
Byron Blanco in Konzentration
Byron Blanco bei einem Ritual mit Tierflöte
Byron Blanco, die Last der 500-jährigen Kolonialgeschichte tragend
Byron Blanco in der Jaguar-Energie (das Nahual Ix)
Der Spielball aus Kautschuk Fäden gewickelt
Die Hochzeitsbilder
– Der Bräutigam kurz vorm Ausräuchern
– Der Ritualkreis
– Das vorbereitete Ritualfeuer
– Felix überbringt seine Segenswünsche
– Beschwörung der Nahual (Nana und Byron)
– Nana, versunken











Danke lieber Bobby, dass du mich an all dem teilhaben läßt. Möge die Zeremonie als auch das dortige Weihnachtsfest als auch Silvester damit beitragen dass wir zentrierter an die positivten Dinge herangehen können/werden. Richte Alister und Lucia meine herzlichen guten Wünsche aus, danke.
Bin gespannt wie dieses Jahr sich entwickelt, ich habe meine eigene Vorstellung, welche ich gerne mit dir teile, wenn du wieder in Dtschld. weilst.
Geniieße Guatemala, die Kultur und deine Familie.
herzlichst
Vielen Dank. Wenn man so einer Zeremonie beigewohnt hat, spürt man irgendwie auch ihre Wirkung.
Wir können auch via WhatsApp normal telefonieren, eben mit 7 Stunden Differenz.