19. Dezember

Ich bin ein bisschen erstaunt, wie wenig ich in den letzten Tagen hier geschrieben habe. Woran liegt’s? Gibt’s nichts zu berichten? Doch, allerdings habe ich viel am Roman gearbeitet, gestern zum Beispiel fast sechs Stunden. Und dann gibt’s eben auch allerlei Routinen wie die Auswertung der E-Mails für den Wandel-Newsletter. Da trudeln täglich an die 200 ein und wollen ausgewertet sein.

Präsent im Gedächtnis sind drei Aspekte, die ich beschreiben möchte, ein kleines Erlebnis der Dritten Art, meine Cucurucho Wanderung und die Biennale in Antigua.

  • Ich glaube, ich hab’s schon erwähnt: eine köstliche Entspannung nach der morgendlichen Arbeit ist ein kleines Sonnenbad auf der Morgenterrasse (klappt natürlich nur, wenn keine Wolken die Sonne verkleistern. Vorgestern Morgen war so ein Tag (heute auch). Ich leg mich also ein Viertelstündchen auf den Bauch und dann auf den Rücken, schließ die Augen und genieße … Dabei bin ich eingeschlafen, und als ich aufwache, sehe ich, dass sich zwei Mitschläfer zu mir gesellt haben, der kleine Gio (ein cremefarbener, halb ausgewachsener Pudel, der am liebsten den ganzen Tag kuscheln würde) lag neben mir und neben ihm Mochi, eine Hundedame, eine inzwischen ausgewachsene, weißbraune Mischung aus Bordercollie und irgendwas, ein ganz sanftes, liebevolles Tier. Kaum hatte Gio mein Aufwachen bemerkt, wollte er gestreichelt werden. Na gut, man ist ja kein Unmensch. Mochi sah interessiert zu, war aber zu weit von mir entfernt, um auch eine Streicheleinheit abzubekommen. Und was tut das kluge Tier: streckt mir eine Pfote über den kleinen Gio hinweg zu, damit ich wenigstens ihr Bein ein wenig streicheln kann. Besser als nichts!
  • Lucia hatte mir einen netten kleinen Ausflug empfohlen, der prima ab der Finca de Pilar zu machen sei. Man zahlt dort einen kleinen Eintritt (bei mir waren’s dann 65 Quetzales = ca.8 Euro) und kommt auf einen ausgezeichneten Weg. Zurückzu könne man dann dort auch im Swimmingpool baden. Also hab ich meine erste Uber-Ausfahrt unternommen, Taxis gibt’s hier kaum, aber Uber jede Menge. Der Weg, el sendero, der Pfad, war auch wirklich wunderbar ausgezeichnet und führte über jede Menge kleine Brückchen und teils sehr steile Holztreppen in einem Tropen-Canyon nach oben. Irgendwann kam ich an einen Wegweiser, wo wählen konnte: Mirador / Sendero. Also hab ich den Pfad nach rechts gewählt, der gleich gut ausgebaut und gepflegt war. Ich ging davon aus, dass ich auch da zu einem Aussichtspunkt kommen würde, nur eben mit einem etwas längere Weg, weil mir mehr nach Wandern als nach Spaziergang zumute war. Schließlich war der Gipfelpunkt der Schlucht erreicht. Dort konnte ich wieder zwei Wege wählen, rechts oder links. Ein junger Kanadier, der dort rastete, meinte, rechts ginge es wieder zurück, da sei er hergekommen, da lägen ein paar Bäume im Weg und links könne man im Bogen weiterlaufen. Ein paar Meter rechts standen einige Trinkwasser-Behälter. Als ich mich darunterbeugte, bot er mir seine leere Halbliter-Plastikflasche an, die ich für den weiteren Weg auffüllte. Bis dahin hatte ich ca. 1 Stunde Aufstieg hinter mir.Ab jetzt gab es den Wegweiser „Cerro el Cucurucho“. Da ich das Wort „Cerro“ als „Hügel“ kannte (ab unserem Haus kann man zum Cerro de la Cruz gehen, das sind ca. 20 Minuten Fußweg), ging ich davon aus, dass es sich beim Cucurucho auch um einen Hügel handeln würde, eben den alternativen Aussichtspunkt. Auf die Idee, aufm Handy zu überprüfen, was es mit dem Cerro el Cucurucho auf sich habe, kam ich nicht. Ich wollte mein Handy auf keinen Fall mehr beanspruchen als nötig. Hätt ich’s mal getan. Nach einer weiteren Stunde Fußmarsch auf einem befahrbaren Weg kam ich zu einer kleinen Berg-Finca, romantisch oberhalb einer Kaffeeplantage und zwei weidenden Pferden davor. Jetzt, dachte ich, kann’s wirklich nicht mehr weit sein. Durch ein offenstehendes, weißes Holzgatter führte der „sendero“ weiter bergan. Ab diesem Zeitpunkt war ich schon ziemlich müde. Sollte ich nicht einfach umkehren? Je weiter ich ging, desto länger würde schließlich der Rückweg. Ein bisschen geht noch, zurück zu ist’s ja einfacher. Also ging ich weiter und weiter und weiter, ca. eineinhalb Stunden. Die letzte halbe Stunde war der Pfad wirklich nur noch ein Pfad und so steil, dass ich nach jeweils ca. 50 Metern eine Weile stehen blieb, um meinen Muskeln eine Chance zu geben, die nächsten 50 Meter zu bewältigen. Irgendwann wär’s beinahe passiert und ich hätte mir meinen rechten Fuß verknaxt, meine klassische Schwachstelle. Aber die guten Schuhe und eine immer noch schnelle Reaktion haben nach dem stechenden Schmerz das Schlimmste verhindert und ich konnte weitergehen. Zwischendrin kam mir ein Pärchen entgegen, ca. 40 Jahre jünger als ich. (Insgesamt kamen mir zwei Pärchen und ein junger Mann entgegen.) Es sei gar nicht mehr weit zum Gipfel, meinten sie, vielleicht so 40 Minuten. Zu dem Zeitpunkt hatte ich gehofft, nach der nächsten Wegbiegung läge der Gipfel vor mir. Das war nun alles andere als ermutigend. Immerhin erreichte ich bald den ersten Aussichtspunkt, der sie mir beschrieben hatten, wo ich mir viel Wasser und zehn Minuten Pause gönnte. Nun denn, irgendwann war ich oben und hatte wirklich einen phantastischen Blick über viele Berge hinweg und tief unten auf etliche Siedlungen. Später hab ich festgestellt, dass der Cucurucho ca. 2650 m hoch ist, also alles andere als ein „Hügel“, tatsächlich der höchste Berg rund um Antigua. Die Kuppe war so angenehm moosig, grasbewachsen, sonnig und windstill, dass ich mich erst mal eine Weile hingelegt und wahrscheinlich auch ne Viertelstunde geschlafen hab. Dann war der gleiche Weg zurück dran. Natürlich ging’s da erheblich schneller, allerdings war das dauernde Bremsen ziemlich anstrengend. Dazu kam das Bewusstsein, dass ich schon ziemlich schwach auf den Beinen war und mich auf keinen Fall vertreten durfte. Dann würde ich in die Nacht kommen, und mein Handy hatte nur noch 30 Prozent Leistung. Die Taschenlampe würde also nicht lange halten.

Nun, es ist nichts mehr passiert. An einer Stelle bestand die Gefahr, dass das linke Knöchel umknickte, aber das konnte ich grade noch verhindern. Gegen fünf Uhr war ich unten, hab dort ne Dose Bier geleert und ein Uber gerufen. Um 6 Uhr wurde es dunkel. Grade noch gut geschafft.

Zwei Tage später, nachdem die Muskelschmerzen abgeklungen waren, war ich dann mit Alistair im Rahmen eines Hundeauslaufs am Cerro de la Cruz. Das war vergleichsweise wirklich „ein Spaziergang“.

  • Biennale bezieht sich meistens auf die Biennale de Venezia, doch ist der Begriff inzwischen zu einem Begriff hochwertiger Kunstausstellungen weltweit geworden. Ich habe das Glück, dass die 1978 gegründete, zweijährige Bienal de Arte Paiz hier ausgerechnet während meines Aufenthalts stattfindet. Hauptausstellungsorte sind Guatemala City und Antigua. Also hab ich mir mal zwei Hallen ausgesucht und dort ein paar Stunden verbracht. Das hilft mir aus zweierlei Gründen: Einerseits mag ich einfach darstellende Kunst, auch dann, wenn sie ziemlich innovativ und ausgefallen ist, und andererseits inspiriert sie mich auch zum und beim Schreiben. Kunst, wenn sie gut ist, schüttelt meine Wahrnehmungs- und Erfahrungsmuster durcheinander, macht sie quasi locker.

Zu Mittag habe ich anstelle eines Mittagessens meine Süßigkeitenlust mal ausgelebt. Ich weiß gar nicht, wann das das letzte Mal geschehen ist, aber ich war sozusagen erbittert sündenbereit. Also hab ich mir in dem Café, das ich schon vor zwei Jahren diesbezüglich entdeckt hatte, erstmal einen großen Schoko-Eisbecher genehmigt, dazu ne Tasse Kaffee, und anschließend noch ein großes Stück Bananen-Kokos-Nusstorte (Pastel de Banano, Coco y Nuez). Mei, die letzten drei Gabeln musste ich schon übern Hunger essen, aber wegwerfen geht auch nicht. Oder?

24. Dezember

Vorgestern war ich mit Alistair aufm Roller „in der Stadt“ unterwegs, um dem Hochzeitspaar ein paar dauerhafte Geschenke zu besorgen. Klar, Geld ist immer willkommen, aber es versickert auch unerkannt und anonym im Alltagssand. Erst waren wir in einem hochwertigen Geschenkeladen (ursprünglich eine reiner Scheinerei, weshalb es da auch Möbel gibt), wo wir schon ein paar hübsche Stücke gesehen haben, um die Alistair und Lucia schon ein paarmal herumgeschlichen sind. Aber wir hatten viel Zeit und wollten nicht gleich beim erstbesten Laden „zuschlagen“, also sind wir weitergefahren zum Mercado Central, der eine eigene, große Kunsthandwerk-Abteilung hat, bestimmt 200 Läden, hübsch gemacht, mit Springbrunnen, Blumen und sehr sauber. Ich habe mir aus dieser Erfahrung einen spanischen Satz notiert: „La gente es discreta incluso en el mercado central = Die Leute sind unaufdringlich, sogar im Zentralmarkt.“ Klar wird man angesprochen, wenn man vorbeischlendert, aber das war’s auch. Wer mal in Marokko oder Tunesien auf einem Bazar war, der weiß, dass es auch ganz anders geht. Nun denn, die Qualität in den meisten Läden war nicht so unsers, außerdem waren bestimmt 80 Prozent der Läden Textilläden, wenig davon echte Handarbeit. Aber einiges eben doch, so dass ich bei einem Laden dann doch schwach wurde und mir ein schönes, gedeckt buntes, handgewebtes Hemd erstanden habe: für rund 20 Euro.

Im Zentralmarkt ist Alistair einem Bekannten begegnet, einem deutsch-kolumbianischen Digitalnomaden, der seit sieben Jahren auf spiritueller Suche in aller Welt unterwegs ist (jetzt aber „angekommen ist“), auch zwei Jahre in Indien gelebt und jetzt die Sauberkeit des Marktes von Antigua bewundert hat. Mit ihm waren wir dann erst mal in einer Cerveseria Artesanal, einer Craft-Brauerei, wo ich dann eine kleine Bierkostprobe einheimischen Biers (6 x 0,1l) gemacht habe, zwei haben mir geschmeckt, vier gingen so. Letzten Endes sind wir dann doch im ersten Laden gelandet und haben ein kunstvolles Tablett, eine Glaskaraffe mit je 6 großen und kleinen Gläsern, schöne Stoffservietten und eine herrliche Keramik-Obstschale erstanden, was wir dann, wohlverpackt, aufm Roller über das extreme Holperpflaster der Altstadt nach Haus transportiert haben – wohlbehalten. Heute Morgen wurde die Sachen dann zum Weihnachtsfrühstück eingeweiht.

Während ich hier schreibe (18:35 Uhr), klingt das spanische Palaver durch meine Tür. Am Tisch sitzend verstehe ich meistens schon ein Viertel, manchmal sogar, wenn nicht superschnell gesprochen wird, die Hälfte, in seltenen Fällen ganze Sätze. Das ist schon mal nicht schlecht. Einen Gesprächspartner habe ich noch immer nicht gefunden. Meine Vokabelzettel (die ich mir selbst zurechtschneide, 16 aus einem DIN-A4-Blatt) sind in 4 Ministapel eingeteilt: die mit einem roten Gummi sind die neuen und die, die einem Gedächtnis hartnäckig Widerstand leisten; die mit einem gelben Gummi funktionieren schon einigermaßen, die mit einem grünen machen Hoffnung, dauerhaft behalten zu werden. Alle aus dem grünen Päckchen, die ich dreimal wiederholt habe, wandern in eine Ablage „bis auf weiteres“. Zusätzlich gibt es das blaue Päckchen. Das sind die Wörter, die ich als Grundwortschatz betrachte, die ersten drei heißen z.B. husten = toser, Mandel = la almendra und „ich bin grade angekommen = acabo de llegar“. Das System hab ich mir zu Studentenzeiten für Englisch ausgedacht. Drei Vorteile: Weil die spanische Bedeutung auf der Rückseite steht, kann ich nicht „spicken“; ich kann die Päckchen locker in der Tasche überall mit hin nehmen; und jedes Wort kann, je nach Wissensstand, von Päckchen zu Päckchen wandern.

Mit Brechts Dreigroschenroman bin ich beinahe durch. Noch ein Kapitel. Es ist herrlich, spätmorgens in der Sonne zu lesen, dabei allmählich schläfrig zu werden und dann ein Nickerchen zu machen. Kann leicht sein, dass das meine täglichen Genusshöhepunkte sind. Manchmal, nein meistens, wandern dann auch meine Gedanken nach Hause, allerdings nicht sehnsüchtig im Sinne von Heimweh, sondern eher wie das Wissen um etwas Kostbares, das mir nicht verloren geht und parallel zu meiner Zeit hier stattfindet und mich wiederaufnimmt, eine sehr freundliche, zugewandte Empfindung. Andererseits existieren all die unangenehmen Erinnerungen und Informationen rund um Gaza, Ukraine, den erstarkenden deutschen Militarismus und die Venezuela bedrohende USA – und doch tangiert mich das hier weitaus weniger als zu Hause, wo ich quasi innerhalb des Hexenkessels leben muss.

Mit meinem Roman komme ich einigermaßen voran. Heute zum Beispiel wären jetzt drei Stunden Zeit gewesen (bis zum gemeinsamen Abendessen), aber entweder ich schreibe dieses Tagebuch oder ich lasse es. Also sitz hier schon wieder eine gute Stunde dran. Trotzdem bin ich nicht unzufrieden. Und wenn Alistair und Lucia bald eine knappe Woche ihren Honeymoon machen werden, wird das wieder ein Sprung vorwärts sein.

Heute Abend dann also Weihnachten in Guatemala. Zumindest kulinarisch wird’s vielversprechend.