17. Januar
Ein mehr als erlebnisreicher Tag. Ich war kaum aufgestanden (3.20 Uhr), als es sehr deutlich an die Tür klopfte. Etwas verwirrt mach ich auf: Es ist ein Hotelmitarbeiter, der mich vorsichtshalber zur Tour weckt. Wenn das mal kein Service ist. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, dass ich evtl. verschlafe.

Jonathan
Dann gab’s nach ner Katzenwäsche einen Morgenkaffee mit nem Keks dazu und Jonathan, ein göttlich schöner, 25-jähriger junger Mann, macht uns klar, dass wir 2 Boletos brauchen: die Eintrittkarte für den Park und die Quittung für die Sonnenaufgangstour (amanescer). Letztere hab ich einstecken, erstere nicht. Also zurück ins Zimmer.
Vom Hotel laufen wir (24 Leute) zur zentralen Parkverwaltung, wo letztlich ca. 200 Menschen anstehen, deren 2 Tickets gecheckt und in Listen eingetragen werden. Bürokratie!!! Weil wir früh dran sind, haben wir nur ca. 30 Leute vor uns. Ich hatte beim Morgenkaffee gefragt, ob wir ein Flashlight brauchen (also Handy). Die Antwort war nein, wir würden eins bekommen. Aber das war ein Irrtum. Zum Glück haben fast alle ihre Handys dabei, so dass ich in deren Schein auf den teils sehr unebenen, wurzelüberzogenen, steinigen Wegen laufe. Was ich jetzt gar nicht brauchen kann, ist ein verknaxter Fuß. Mit Ausnahme von einem „Beinahe“ ist auch nichts passiert. Wir laufen ungefähr ne Dreiviertelstunde durch die Nacht. An einer bestimmten Stelle hat Jonathan uns angehalten, alle gebeten, ihre Lichter auszuknipsen und sich umzudrehen. Der Moment war magisch. Hier war der Wald offen, wir blickten auf einen riesigen, funkelnden Sternenhimmel und in dieses Lichtermeer hinein erhob sich die dunkle Silhouette eines hohen Pyramidenturms. Wenn es vorher einige Gespräche gegeben hatte – die waren jetzt beendet. Eine ehrfürchtige Minute oder zwei oder drei standen wir da und staunten.
Anschließend gingen wir weiter zum ca. 70 m hohen Tempel IV, den wir mit Hilfe von außen angebrachten Holzstufen bestiegen bis zu einer Holzplattform und von da noch ca. zehn hohe Steinstufen bis kurz unter die Spitze. Wir gehörten zu den ersten, so dass wir „gute Sitzplätze“ für den Sonnenaufgang über dem Dschungel und den Ruinen bekamen. Da saßen wir (und mit uns bestimmt 200 Menschen) dann ca. eineinhalb Stunden (bei 16 Grad war es gut, dass ich alle meine drei Schichten angezogen hatte). Zwischen dem ersten Streifen Sonnenrosa, der den Horizont konturierte, und dem vollständigen Glutball der Sonne stellte sich erneut ehrfürchtiges Schweigen ein (allein rund 200 schweigende Menschen sind schon ein Erlebnis). Ähnlich kosmisch mussten sich die ersten Astronauten gefühlt haben – und natürlich die Maya, die dieses Wunder erschaffen haben.

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Gegen 8 Uhr waren wir wieder zu Hause. Jetzt hatte ich wirklich Hunger und hab gefrühstückt: eine Jogurt-Obst-Schale. Dazu nen Kaffee, perfekt für ein Morgenschläfchen, das ich jetzt brauchen konnte. Kurz vor zehn Uhr hab ich mich mit Douglas getroffen, einem 38-jährigen Guatemalteken, mit dem ich dann die nächsten rund vier Stunden quer durch die ganze Tempelanlage unterwegs war, in meinem Tempo. Die letzte Pyramide wollte ich schon nicht mehr besteigen, aber Douglas meinte, das müsse ich unbedingt machen, denn der Blick von dort auf den Zentralplatz sei unübertroffen. Recht hatte er. Die vielen Tempel, Pyramiden und Begräbnisstätten haben sich in meinem Kopf ziemlich verknotet, aber zu keinem Zeitpunkt fand ich’s langweilig, im Gegenteil.
Zwei Bäume muss ich erwähnen:
– den Nationalbaum Guatemalas, den mächtigen, bis zu 70 m hohen Ceiba bzw. Kapokbaum. Für die Maya war er der Weltenbaum (Yaxché). Er verband: die Unterwelt (Xibalba) über die Wurzeln, die Menschenwelt über den Stamm und die Götterwelt über die Krone.
– den Ramón-Baum, auch Maya-Nuss oder Breadnut Tree. Er war für die Mayas ein zentrales Nahrungs- und Überlebensgewächs. Die Früchte enthalten Samen, die gekocht oder geröstet gegessen, aber auch zu Mehl vermahlen werden können. Sie sind proteinreich und sind wegen ihrer komplexen Kohlenhydrate lange sättigend, dazu reich an Kalzium, Eisen und Ballaststoffen, ein ehemaliges Grundnahrungsmittel, das heute neu entdeckt wird. Unter den Bäumen im Nationalpark liegen Massen dieser Früchte. Ich habe eine Nuss, nachdem sie Douglas für mich mit Trinkwasser abgewaschen hatte, probiert: knackig, herb, ein wenig nussig, nicht direkt wohlschmeckend, aber doch okay. Geröstet bestimmt lecker. Im Besucherzentrum hab ich dann eine Tasse Ramon-Kaffee getrunken. Auch gut.
Es ist unvorstellbar, was die Maya hier architektonisch geleistet haben (nicht nur ohne Maschinen, sondern auch ohne Räder, die sie zwar kannten, aber nicht benutzten, weil es keine Zugtiere gab). Und damit meine ich nicht nur (aber auch) die Präzision und genauen Winkel, Abmessungen und Positionen der Bauwerke und Anlagen im Verhältnis zur exakten Bestimmung zu Tages-Nacht-Gleichen etc.; das schiere Ausmaß dessen, was hier vor 1.300 Jahren mitten im Dschungel entstand, ist mehr als beeindruckend. Zunächst einmal mussten sämtliche Flächen gerodet und die Baumwurzeln entfernt werden. Wer das schon mal mit einem Baum (und sei’s ein Apfelbaum und kein tropischer Urwaldriese) versucht hat, kann es vielleicht nachvollziehen. Es müssen Tausende von Bäumen gewesen, die ihrem religiösen Eifer zum Opfer fielen. Anschließend mussten in dem bergigen Gelände geschätzte 50 Terrassen angelegt werden (viele größer als ein Fußballfeld), auf denen dann die Bauwerke errichtet wurden. Auch auf die Menschenopfer kamen wir zu sprechen. Jonathan meinte, dafür gebe es kaum Beweise, es sei mehr Mythos der Spanier, um die Bosheit der Heiden anzuprangern, Douglas meinte, es habe freiwillige Selbstopfer der kleinen Leute für die Sonne gegeben, die „Adligen“ hätten das nicht gemacht, sondern allenfalls Blut gespendet. Geopfert wurde jedenfalls eine Menge, Gemüse, Tiere in der Regel. Die flachen (ca. 30 cm dicken, ca. einen Meter im Durchmesser) Rundsteine lagen vor sogenannten Stelas, meist 9 wegen jahreszeitlicher Besonderheiten, die bis heute noch vor vielen Bauwerken stehen. Die auf den Stelen eingemeißelten Hieroglyphen nennen Namen, Titel, Abstammung und vor allem exakte Kalenderdaten von Herrschern. Die eindrucksvollen stehen längst in Museen.
Verrücktes Detail: Weil die Maya viele Kriege führten (oft auch gegeneinander ☹), legten sie 20 bis 50 Meter breite Straßen an mit einer weißen Kalkmörtel-Oberfläche (selbstredend entstanden große Kalksteinbrüche). Die hatte den Vorteil, schon bei geringem Mondschein hell genug zu sein, dass sie die Tageshitze vermeiden und sich in den kühlen Nächten schnell vorwärtsbewegen konnten. Was die Eitelkeit/Bedeutsamkeit der Herrscher angeht, standen sie den Ägyptern in nichts nach. Wenn ein Herrscher starb, wurde für seine Grabkammer eine eigene Pyramide errichtet (was u.a. auch den Umfang der Anlage erklärt). Nur in einem Bauwerk haben Archäologen bisher drei Grabkammern entdeckt. Allerdings sind gefühlte zehn Bauwerke – man geht an ihnen vorbei – noch überhaupt nicht untersucht, sondern vom Dschungel überwachsen. Ein Grund dafür sind die strengen UNESCO-Auflagen für Weltkulturerbe-Stätten, an denen ja nichts verändert werden darf. Was in diesem Fall natürlich Quatsch ist, aber mei: Wo schlägt die Bürokratie keine Kapriolen?
Mit Douglas hab ich mich ausgesprochen gut verstanden. Er ist Vater von drei Kindern und hat mir zwischendurch auch viel aus seinem Leben erzählt. Seine Frau ist 30, sie haben drei Kinder (14, 10 und 8) und er weiß, dass er noch viel mehr arbeiten muss, weil die Kinder, je älter sie werden, viel Geld kosten (hier gibt es ja für nichts staatliche Unterstützung). Er hat seit 20 Jahren einen Job beim Staat ergattert (was genau, hab ich zu fragen vergessen), bekommt aber nicht mehr als rund 500 Dollar im Monat gezahlt. Das langt vorne und hinten nicht, weshalb er an den Wochenenden noch als Tourguide arbeitet. Er meinte, wenn er seinen Staatsjob aufgäbe, könnte er viel besser verdienen, aber dann wäre auch die Sicherheit flöten. Schwierig, schwierig.
Zum Schluss hab ich ihn zum späten Lunch eingeladen. Dafür hat er mich zu einem Mini-Comedor gebracht, wo ich dann tatsächlich etwas bestellen konnte, worauf er mich unterwegs hingewiesen hat: auf Pacaya. Er meinte, das sei eine im Dschungel überall wachsende Pflanze, die er sehr gerne isst, die es aber in herkömmlichen Restaurants einfach nicht gebe. Pacaya sind die Blütenkolben der Pacaya-Palme, die meist mit einer Tomatensauce serviert wird, dazu gab’s Reis. Und weil Douglas morgen seinen 39. Geburtstag hat, hab ich ihm zusätzlich 100 Quetzales geschenkt (ca. 12 Euro).
18. Januar
Eben sitze ich am Managerschreibtisch in der perfekten Schreibposition, nicht zu tief und nicht zu hoch. Das ist einer der Gründe, weshalb ich hier sitze (hab vorher natürlich gefragt), der zweite: Die Bar hat nicht offen und das ist der einzige, mir grade zugängliche Platz mit Steckdose.
An das nächtliche Geräusch der Brüllaffen (auch jetzt noch im amanecer, dem Morgengrauen) bin ich schon so gewohnt, dass ich es leicht überhöre. Wer es nicht kennt: Es gibt einen Rhythmus und zwei Haupttöne. Der Rhythmus besteht aus einem zweifachen An-und Abschwellen, dazwischen eine Pause von drei bis fünf Sekunden, in denen nur noch ein Bellen wie von Hunden mit Halsschmerzen erklingt. Den Hauptton kann man sich ungefähr ausmalen, wenn man schon mal gehört hat, wie das Geräusch eines Abflussrohrs klingt, kurz bevor sich das Becken ganz leert; und dann dieses Geräusch ums Hundertfache verstärkt. So würde wohl ein Höllenrachen klingen. Das zweite Geräusch, etwas leiser, klingt wie ein nicht geöltes Getriebe, das aber trotzdem fahren muss.
Wenn man nicht wüsste, dass die Tiere harmlos sind, könnte man sich auch vorstellen, dass ein Heer von Untoten dabei ist, die Menschen anzugreifen. Also: alles andere als ein schönes Geräusch, das klingt, als würde die Horde nebenan in den Bäumen sitzen. Dabei könnte sie auch ein, zwei Kilometer entfernt sein, denn Brüllaffen sind die lautesten Tiere der Erde, und zwar, wer hätt’s anders gedacht, die Männchen. Weibchen können auch brüllen, aber weitaus leiser (ihnen fehlt das Verstärkerorgan) und höher. Das Brüllen ist auch kein Ausdruck der Aggression, sondern der Revierabgrenzung und Kommunikation.
20. Januar
17.33 Uhr. Wie voll diese wenigen Tage sind. Grade sitze ich in einem kleinen, von der restlichen Abflughalle (des Miniflughafens von Flores) abgetrennten, gemütlichen Sesseleck – in der Mitte ein niedriger Tisch und an dessen Längsseiten ein blaues Zweisitzer-Sofa und ein gleichfarbiger Sessel (auf dem ich grade sitze und schreibe). Ich habe meine Kurznotizen die letzten eineinhalb Stunden aufgefüllt und mach mich jetzt ans Tagebuch.
Ich fliege erst um 20:20 Uhr. Heute ist Dienstag. Wegen der unsicheren Situation in Guatemala City hab ich mir am Sonntag Flores angeschaut in einem Hotel am See übernachtet, dann ein Auto gemietet und war von Montag auf Dienstag (also heute) im wunderschönen, sehr intimen Hotel El Gringo Perdido am Ufer des Lago Petén Izá, einem riesigen See (Seen heißen hier Laguna). Ich hatte eine Art 1-Zimmer-Apartment (mit Dusche und Toilette, einem eleganten, schwarzen Doppelwaschbecken und einem Minifässchen mit Trinkwasser) mit ganz viel Holz, vollverglast zum Ufer hin. Abends konnte ich Rollos runterziehen.
Ich war schon ziemlich früh da, kurz vor zehn, und es hieß, die Zimmer seien erst um 14 Uhr bezugsfertig. Na meinetwegen, erst mal ein Frühstück. Hier gibt’s ja W-Lan, also kann ich meine Dinge tun. Kaum ist das Tipico (eben das typische guatemaltekische Frühstück) serviert, als die junge Frau von der Rezeption zu mir kommt und meint, das Zimmer sei bereit: La habitación está listo. Muy bien.
Kaffee und Tee gab’s den ganzen Tag, so viel ich wollte. Dafür befand sich am Seeufer ein alter Holz-Kohleofen, auf dem zwei große Blechkannen standen, die eine wohl drei Liter fassend: die Kaffeekanne, und die zweite wohl zwei Liter fassend mit heißem Wasser für Tee auf dem davorstehenden Tisch mit Tassen, Zucker, Milchpulver und diversen Teebeuteln.
Die Atmosphäre war wirklich anheimelnd. Ich hab richtig gemerkt, wie mich die Lust, am Roman weiterzuschreiben, anspringt. Ich würde viel Zeit haben, denn den Ausflug nach Yaxhá [sprich: Yasch-Há] hatte ich wegen des dichten Himmels auf den nächsten Tag verschoben. In meinem Zimmer gab’s nen ordentlichen Schreibtisch, und die Glastür, die mich vom Uferbereich trenntt, konnte ich zurückschieben. Nur noch ein Insektengitter schützt mich vor der Insektenwelt, dagegen war nichts einzuwenden. Mit zwei Glas Rotwein, zwei Tassen Tee und zuletzt einem guten Rum-Absacker schrieb ich mindestens sechs Stunden lang. Hier ließe es sich lange aushalten. Nach zwei Dritteln Schreibzeit setzte ich mich auf einen, auf den See hinausführenden, Holzsteg, an dessen Ende sich zwei Stühle befinden. Ein schönerer Meditationsplatz ist kaum vorstellbar.

Heute, Dienstagmorgen, hatte ich mir den Wecker auf 5 Uhr gestellt, damit ich noch zu meiner Arbeit komme, bevor ich um 7 Uhr auschecke für meinen Ausflug nach Yaxhá. Vorsichtshalber hatte ich die Rezeption gebeten, mich um halb sieben zu wecken, falls ich verschlafe. Hab ich aber nicht, so dass ich Viertel vor sieben meine Sachen zusammengepackt habe (mein Rucksack und meine Umhängetasche) und ziemlich um Punkt sieben meine Lunchbox entgegennehme, die sie mir mangels Frühstück, das ich nicht verzehre, gepackt haben. Ich verabschiede mich, sie wünschen mir gute Reise und ich geh die Treppen zum Auto, das vielleicht 20 Meter höher auf einem Parkplatz an der Straße steht. Ich bin grade dabei, mein Navi einzurichten, als ein kleiner dicker Mitarbeiter angerannt kommt und mir winkt. Ich lasse das Fenster runter und er macht mir klar, dass ich noch nicht bezahlt habe. Oh Mann!
Wieder unten an der Rezeption gibt’s das typische Gutemala-Problem: Ihr Gerät kann keines meiner drei Karten lesen. Hm, was tun? Ich meine, mein Sohn könnte es bestimmt überweisen. Ah, una buena idea. Sie suchen noch die Bankadresse heraus (manchmal frage ich mich, ob es außer der Banca Industrial noch andere Banken gibt!) und ich kann gehen. Als ich losfahre, ist es 7.22 Uhr. Google Maps zeigt 8.06 Uhr als Ankunftszeit an.
Ob Google auch die viele Löcher in der Asphaltdecke einkalkuliert hat? Es ist nicht so wie zu Hause, wo man bei Überlandfahrten drauf vertrauen kann, dass die Teerdecke eine zusammenhängende Fläche bildet. Ständig, d.h. alle ca. 500 Meter auf 30 km muss ich darauf achten, dass ich nicht in ein Loch fahre. Die haben zwar selten einen größeren Durchmesser als einen Meter, dafür sind viele geschätzt 20 bis 30 Zentimeter tief. Da mit 60 oder 80 km/h reinzufahren, würde die Achsen gefährden. Die meisten kann ich umfahren oder zwischen die Räder nehmen, aber manchmal liegen sie so nahe beieinander, dass ich zur Orientierung langsam heranfahren muss. Na gut, Viertel nach acht Uhr bin ich in Aldea de Máquina, wo ich, nach einem WhatsApp-Orientierungsteleonat, Neftalí Escobar treffe, einen 55-jährigen, Englisch sprechenden Guatemalteken treffe, liebenswürdig, wie üblich. Man gewöhnt sich dran.
Bis nach Yaxhá sind’s ca. 10 Kilometer. Macht man links, denkt man als Deutscher. Immerhin ist das eine berühmte Mayastätte. Aber denkste. Es dauert über eine Stunde. Die Straße ist nicht geteert und unterscheide sich von ihrem Zustand von vor hundert Jahren nur dadurch, dass sie hundert Jahre lang nicht gepflegt wurde: voll Löcher, kleiner und großer Steine und auch Felsbrocken. Ich fahre quasi mit den Fingerspitzen. Zwar habe ich mich nicht gescheut, den Mietwagen voll zu versichern, aber auf so einer Straße habe ich noch nie ein Auto gelenkt. Im Grunde genommen ist es eine Straße für Jeeps mit Vierrad-Antrieb. An vielen Stellen muss ich auf Null abbremsen, um zu schauen, wie ich da durchkomme. Die Vorstellung, dass ich diese Tortour auf dem Rückweg nochmals durchmachen muss, erheitert mich nicht direkt.
Egal. Einmal vor Ort muss ich mich im Park anmelden und überreiche Neftalí die 1000 Quetzales (850 Q für seine Begleitung und 150 Q für das Boot und den Bootsführer). Letzteres, ein ca. 12 Personen fassendes, blaues, überdachtes Metallboot, brauchen wir für die Topoxte Tour, die über einen großen See zur Insel Topoxte führt, die zu Mayazeiten eine Halbinsel war, um dort einige vom Tourismus unbeachtete postklassische Maya-Bauten anzuschauen. Angeblich wimmelt es in dem See vor Krokodilen, aber uns wollten keine fressen. Sieht alles sehr friedlich unkrokolig aus. Reinfallen und schwimmen ist trotzdem keine gute Idee. Neftalí führt mich über verschlungene, kaum begangene Waldpfade zu diversen Ruinen, oft beeindruckend hoch, aber kaum restauriert. Irgendwann führt er mich ein Stück in den Wald und zeigt mir im Unterwuchs einen ca. 80 cm messenden quadratischen Stein. Darunter, meint er, hätten Archäologen die Überreste eines bedeutenden Maya-Herrschers gefunden. Der große See (heißt hier Laguna) ist auf allen Seiten von knochenweißen, im Wasser stehenden, abgestorbenen Bäumen umkränzt. Neftalí zufolge liegt das an dem in den letzten Jahren gestiegenen Wasserspiegel. Ihm erscheint das ganz normal. Aus Maya-Sicht gebe es 26-Jahres-Rhythmen. Vor ein paar Jahren habe eine neue, solche Episode begonnen, und dann steige eben der Wasserspiegel.
Zwei atemraubende Straßenkilometer weiter kommen wir nach Yaxhá. Wie schon Tikal wird es von Soldaten bewacht. Vermutlich wegen der schwierigen Anreise ist es keines der Super-Destinationen wie Tikal, aber ähnlich spektakulär und viel gemütlicher. Neftalí hat mit mir einen Weg eingeschlagen, der quasi „hinten rum“, durch viel Dschungel, zu all den Bauwerken führt. Das erscheint mir viel weniger anstrengend als Tikal. In den ca. 3,5 Stunden sind wir maximal zehn Menschen begegnet. Auf zwei Pyramiden bin ich hochgestiegen; einmal mit Hilfe von sicheren Holztreppen mit Geländer, das andere Mal auf den alten Steinstufen, viele davon nicht mehr begehbar. Raufwärts geht das ja noch, aber wenn ich dann so 50, 60 Meter runterschaue, muss ich mich gegen den Gedanken wehren, wie es wohl wäre, wenn’s mir da schwindelig wird. Kaum vorstellbar, so was zu überleben. Da die Stufen zwar nicht sehr hoch sind, 30 bis 40 Zentimeter, dafür aber nur ca. 25 Zentimeter schmal, steige ich mit intensiver Achtsamkeit Schritt für Schritt ab.
Dann also die Rückfahrt. Ein Vorteil: Ich weiß jetzt, dass es zu schaffen ist. Das tut gut, so dass ich die Slalomstrecke etwas gelassener absolviere. An der Tienda, wo ich Neftalí absetze, kaufe ich eine Limonade und ein Päckchen Nüsse und will losfahren in Richtung Flores. Hm, kein Internet. Na ja, vielleicht später. Die Richtung stimmt ja. Eine halbe Stunde später immer noch kein Empfang. Nachdem eine größere Kreuzung vor mir liegt, bei der ich nicht weiß, wie ich abbiegen soll, fahre ich mal rechts ran, um mir die Situation in Ruhe anzuschauen. Aha, nur noch 48 Prozent, und eine SMS von Tico, dass mein Volumen erschöpft ist. Die SMS enthält einen Link zum Nachladen, mit dem ich, wohl wegen mangelnder Spanischkenntnisse, nicht klarkomme. Ich erinnere mich an das letzte, vergleichbare (aber viel sicherere) Ereignis in Antigua: Ich brauche eine Tienda (kleines Geschäft) mit dem Tico-Logo. Tatsächlich entdecke ich ein paar hundert Meter weiter so ein Geschäft und bekomme dort tatsächlich von einem dicken, ca. 16-jährigen Mädchen in traditioneller Kleidung meine Karte nachgeladen. Erleichterung. Das Navi funktioniert wieder.
Angekommen an der Autovermietung muss ich noch nebenan volltanken. Alles okay, ich bekommen meine 500 $ Deposit auf mein Visakonto zurücküberwiesen. Mit einer Fußgängerbrücke überquere ich den 4-spuringen Highway zum gegenüberliegenden Flughafen. Der horizontale Brückenteil über den Fahrspuren ist so zugemüllt, dass ich einen Augenblick überlege, wieder zurückzugehen und den Highway unterhalb der Brücke hinter mich zu bringen. Die Vernunft siegt. Vor dem Fughafenportal stehen zwei Soldaten mit Maschinengewehren Wache. Mein fröhliches „Buenas Tardes!“ bringt keine Entspannung in ihre strengen Gesichter. Ich besorge mir einen Kaffee und ein Päckchen Nüsse gegen den Hunger. Zwar geht mein Flieger erst um halb neun, aber ich checke schon ein, denn im Abflugbereich gibt’s Stecker zum Wiederaufladen von Handy und Laptop, wie ich erfahre. Ich entdecke eine vom restlichen Wartesaal abgetrennte, gemütliche Sofaecke, die zu einem Café gehört. Mein Platz, den ich mir mit einem Bierchen erkaufe. Muy bien. Hier mache ich mich daran, meine tabellarischen Tagesnotizen e zu vervollständigen und anschließend dieses Tagebuch zu schreiben. Eben, um 19.34 Uhr wurde mein Flug angekündigt. Passt perfekt.























Wow was für tolle Eindrücke, schön dass du uns mitnimmst auf deiner Reise.
Alles Liebe bis zum nächsten Tagebucheintrag.
Viele liebe Grüße!
Moni
wow wow, überwältigend deine Eindrücke, man kann alles sehr gut nachvollziehen, danke dafür. Dann rüste dich für die letzten Tage und lass dich vom Leben überraschen.
herzlichst, der Gerhard