5. Januar

Alistair und Lucia waren von gestern auf heute einen Tag da und haben dann gegen 11 Uhr morgens die zweite Woche ihres Honeymoons angetreten.

Mal sehn, ob ich’s noch schaffe, die Tagebucheintragungen hinzukriegen. Fertigstellung und Versand des Wandel-Newsletters hat mich doch einige Zeit gekostet. Alander hatte mich drauf hingewiesen, dass ich ihn noch nicht verschickt hatte. Das ist seit 2019 noch nicht vorgekommen. Ist das ein gutes Zeichen? Ich fürchte ja.

Hab vor lauter Arbeit (heute mal ausnahmsweise spät nachmittags) nicht drauf geachtet, dass es kühl wurde (die 24 Grad mittags gehen auf bis zu 12 Grad runter), so dass ich ziemlich durchgefroren in die Küche marschiert bin und mir eine große Portion heißes Ingwerwasser gemacht habe. Hat gut gewirkt.

Tagebuch geschafft, hat aber über drei Stunden gedauert. Jetzt ist 23.42 Uhr und ich bin totalmente cansado (turbomüde).

7. Januar

Erst heute Abend hab ich die letzten Mails durchgekriegt. Der Verteiler hat immer nach zehn Mails gestoppt, dann hab ich zwischendurch drauf vergessen, den Versand anzutoßen usw.

Das Handy hat mir signalisiert, dass die Prepaid-Karte abgelaufen ist. Mit anderen Worten: Ich kann es außerhalb des Hauses nicht mehr benutzen. Also hab ich bei Alistair angefragt, was zu tun sei: Ganz einfach, meinte er, du gehst mit dem Handy zu der Tienda um die Ecke, sagst: „Quiero recargar mi paquete pre-pago“, der ruft dann ne Nummer an und du bezahlst in bar. Fertig.“ Also bin ich da hingelatscht (400 m), sag mein Sprüchle auf und er fragt nach meiner Nummer. Hm, ich hatte zwar meine Barreserven eingesteckt, aber aus unerfindlichen Gründen mein Portemonnaie zuhaus gelassen. Also wieder zurück. Ich hatte noch ganze 300 Quetzales, das würde knapp reichen. Auf jeden Fall brauche ich Bargeld. Diesmal schwing ich mich auf den Roller, fahre zur Tienda, jetzt mit der richtigen Nummer ausgerüstet, und mit ein bisschen spanischem Rumgestopsel meinerseits bekomme ich die Karte geladen. Schon mal prima.

Also jetzt zur Bank am Plaza Central fahren. Sämtliche Motorradparkplätze rund um den Platz sind voll. Na ja, denke ich, dann parke ich eben direkt vor der Bank, dauert ja nur ein paar Minuten, wird schon gut gehen. Am Eingang steht, wie in jeder Bank, ein dicker Wachmann (sie sind wirklich oft dick) mit Pistole und einer den Bauch prall überspannenden Sicherheitsweste. Der will mich nur reinlassen, wenn ich ihm die Adresse meines Wohnorts hier in Antigua und Alistairs Telefonnummer vorzeige. Ich suche also beides raus (Alis Telefonnummer ist die falsche, aber so genau wird er nicht hinschauen), halt es ihm unter die Nase und werde eingelassen. Das heißt, ich muss auf einem der sechs Stühle gegenüber von drei Schreibtischen (zwei davon besetzt mit zwei dicken jungen Frauen) Platz nehmen und warten, bis ich an die Reihe komme. Ich bin Nummer fünf. Die Vorgänge an den beiden Schreibtischen dauern ewig (bei uns wären in der gleichen Zeit mindestens 15 Kunden abgefertigt worden). Nach ungefähr ner halben Stunde bin ich dran. Die freundliche Dicke zählt meine zehn Zehndollarscheine, prüft sie auf beiden Seiten auf Echtheit, betrachtet mich und meinen Reisepass und fragt dann nach dem Wohnort und Alistairs Telefonnummer. Nein, sagt sie, das ist keine guatemaltekische Nummer. Ich schreibe Ali per Telegram an und bitte um seine Guatemala-Nummer, er reagiert aber nicht gleich, also lasse ich den Mann hinter mir vor. Ein Fehler, denn der braucht nochmals ne Viertelstunde. Inzwischen habe ich Alis Nummer und alles scheint okay. Die junge Frau tippt auf den Tasten ihres Computers wie ein Weltmeister, fünf Minuten, zehn Minuten, schließlich bemerke ich, dass sie meine Reisepassnummer zum dritten Mal eingibt. No funciona! Aber dann klappt’s endlich. Jetzt muss sie nur noch meinen Pass fotokopieren und ebenso ein Formular, das sie auf einem Nadeldrucker ausdruckt. Diese Kopie samt Ausweis und Pass drückt sie mir in die Hand und verweist auf den eigentlichen Schalterraum rechts – wo hinter drei Panzerglasscheiben drei nicht dicke Männer sitzen –, wo ich mich anstellen soll. In der Schlange stehen rund 15 Personen vor mir. Na, denk ich, das sind die nächsten zwei Stunden. Hoffentlich macht die Bank nicht zu, bevor ich an der Reihe bin. Hinter mir stellt sich eine junge Frau an, die mich auf Englisch anspricht, ob man mir gesagt habe, an welchen Schalter ich gehen soll. Nein, hat man nicht. Sie fragt die beiden Dicken auf Spanisch, wie es sich verhält und meint dann, ich könne gleich an Schalter 1 gehen, ich müsse mich nicht anstellen. Vor mir ist nur ein Mann, der aber nach zehn Sekunden fertig ist. Ja wunderbar. Ich reiche die drei Utensilien durch die Lücke im Sicherheitsfenster, er prüft nochmals die Dollarnoten auf Echtheit, aber dann geht es fix. Fünf Minuten später bin ich draußen. Mein Roller steht noch unbehelligt. Bankerlebnis in der Dritten Welt. Ich hoffe, es gibt kein nächstes Mal während dieser Reise.

9. Januar

In genau einem Monat fliege ich zurück, fühle mich richtig dankbar für meine Zeit hier. Eben habe ich wieder ein ordentliches Stück Romanarbeit geschafft. Inzwischen komme ich beinahe jeden Tag ein paar Stunden dazu. Vorgestern wurde mir sehr bewusst, wie stark meine klassischen Verhaltensmuster mir dabei im Weg stehen. Da zwei meiner als „Pflicht“ wahrgenommenen Arbeiten mit Informationssammlung zu tun haben, passiert es mir leicht, dass ich beim Aussortieren überflüssiger Information trotzdem erstmal drin steckenbleibe. Wenn ich ganz konzentriert wäre, wären diese Arbeiten nach vier bis fünf Stunden erledigt. Aber unachtsam können es locker sechs bis sieben werden. Dann kommt noch dieses Tagebuch dazu, das vor allem den Vorteil hat, mich einerseits zur Aufmerksamkeit auf Wesentliches zu zwingen, andererseits die Kommunikation mit meinen Nächsten aufrecht zu erhalten, wenigstens einseitig, denn nur wenige reagieren in irgendeiner Weise.

Inzwischen habe ich mich klar festgelegt: Das Schreiben am Roman hat Vorrang vor allem anderen (war ja auch der Hauptgrund meiner Reise). Deshalb sollten wir die kommenden zwei Tourismus-Highlights (weitgehend) genügen: eine Drei-Tages-Vater-Sohn-Reise quer durchs Land und meine Reise in die Maya-Ruinenstadt Tikal.

Meine Bett-Pilgerschaft und mein innerer Gesundheitszustand hängen eng zusammen und kommen allmählich zur Ruhe. Ursprünglich habe ich im Gästezimmer mit zwei Doppelbetten genächtigt (wo auch jetzt noch alle meine Utensilien sind). Dann hat der Zustand meiner Lungen dazu geführt, dass mir Alistair eine Matratze in Lucias Arbeitszimmer gelegt hat, weil sich dort die Katzen wenig aufhalten. Trotzdem hat meine Lunge abends zunehmend dicht gemacht (hat mir die spanischen Wörter „dificultad de respirar“ [Atembeschwerde] eingebracht und „Tengo un problema con mi pulmon“ [Ich habe ein Lungenproblem], weshalb ich jetzt auf der oberen (überdachten) Terrasse draußen schlafe. Dafür hat mir Alistair extra einen Sommerschlafsack gekauft. Mit ein bis zwei Decken drüber hält der auch bei 11 Grad noch kuschelig warm.

Ein Zwischenversuch, auf einem der Sofas im Meditationsraum zu schlafen, ging schief, so dass ich mitten in der Nacht doch wieder auf meine Terrassenmatratze umgezogen bin. Dort kann ich inzwischen in halbsitzender Position ganz gut einschlafen; der Sternenhimmel tut seins dazu!