9. Dezember/2

Arbeit fürs Wissensprojekt, Tagebucheinträge und Rundmail, kleines Schläfchen in der Hängematte, langes Video mit Inge – Alistair gab mir den Tipp, mir noch eine Liege von der Morgenterrasse zu holen, denn ein Sonnenbad in der Nachmittagssonne habe seinen eigenen Reiz. Das tue ich und mach gleich die Probe aufs Exempel. Stimmt, sehr angenehm, und noch angenehmer, wenn’s mit einer Meditation verbunden ist.

Ich stelle fest, dass ich hier viel schneller müde werde als zu Hause. Anfangs hatte ich das auf den Jetlag zurückgeführt, aber der muss längst vorbei sein. Vermutlich liegt’s an der täglichen Dosis Lorano wegen meiner Katzenhaar-Allergie. Mal sehn, ob mir mehr Zwischenschläfchen helfen, besser damit umzugehen.

Vorhin war ich grade in der Küche, um mir Tee zu machen, als mich ein plötzliches, heftiges Geräusch aufschreckt: ein Regenguss. Mist, mein Laptop steht auf der unüberdachten Morgenterrasse, ein dickes Polster, das sich grade vollsaugt, die Kabel, eine edle Bluse von Lucia hängt da zum Trocknen. Sie ist mit Alistair beim Tierarzt. Jetzt wurde es hektisch … Scheint aber nichts passiert zu sein. Der sorgfältig abgetrocknete Laptop funktioniert, Maus und Ladekabel auch.

Heute probiere ich etwas ganz Neues aus. Ich setze mich mit meinem Tee auf eines der beiden großen Sofas in der Meditationskapelle. Mit den großen Kissen im Kreuz kann ich wunderbar auf dem Laptop schreiben. Hab ich noch selten gemacht, aber ich weiß, dass viele Leute ausschließlich so arbeiten. Fühlt sich sehr gut an. Dann also mal auf zum Roman. Es ist 17.34 Uhr.


13. Dezember

Nachdem es hier kein einheimisches Brot gibt, sondern nur Tortillas (die ich geschmacklich mehr als langweilig finde) oder Industrie-Weißbrot bzw., noch schlimmer, Toastbrot, hat mich Alistair darauf hingewiesen, dass es eine neue Bäckerei gibt, die Terruño Panadería (pan = Brot). Also hab ich mich vor zwei Tagen dorthin auf den Weg gemacht (nur 8 Minuten von hier). Das Brot dort sah wirklich verlockend aus. Der Bäcker, stellte sich heraus, ist ein seit neun Jahren hier lebender Engländer. Ich hab uns ein Olivenbrot mitgebracht, das wir dann zu Abend mit Hochgenuss (zusammen mit Butter und Blauschimmelkäse, guatemaltekischem Cheddar, Zwiebel und Tomaten) verkostet haben. Danach war ein Drittel des Brotlaibs verschwunden.

Alistair ist für drei Tage bei nem Investorentreffen am Lago Atitlan (da, wo ich vor zwei Jahren hauptsächlich gewohnt habe). Vorher hat er mich noch in die Benutzung seines Rollers eingewiesen und ich bin mal ne kleine Runde gefahren.

Es ist natürlich verlockend, damit herumzudüsen, aber nachdem ich mich hier wenig bewege (noch weniger als in Würzburg), habe ich bisher widerstanden. Gestern hab ich ohne Roller, also zu Fuß, mit Hilfe von Google Maps nen „Ausflug“ in die Stadt gemacht (wir wohnen relativ am Rand). Erst ging’s zu dem einzigen großen Scheibwarengeschäft, um mir nen Rotstift (für die Vokabelarbeit) und nen Spitzer zu kaufen. Nicht wirklich wichtig, aber eben ein Anlass. Auf dem Placa Central war grade eine Kombination aus Prozession (mit ner Menge Ministranten, Pfarrer hab ich nicht gesehen) und Party mit Blasmusik. Es war das Fest der Virjen [sprich: Virchen] de Guadalupe (Unsere Liebe Frau von Guadalupe), die beliebteste Muttergottes in ganz Lateinamerika, auch die braune Jungfrau genannt, weil es keine Weiße ist. Sie ist die katholische Version von Tonantzin, der vorspanischen Muttergottheit. Rein zufällig wurde die Kirche für die Virjen an exakt dem Platz gebaut, wo sich das zentrale Heiligtum von Tonantzin befunden hatte. Die katholische Version: Maria erschien im Dezember 1531 dem indigenen Bauern Juan Diego auf dem Hügel Tepeyac nahe dem heutigen Mexiko-Stadt. Sie sprach ihn in Nahuatl, der Sprache der Azteken, an und forderte den Bau einer Kirche. Als Zeichen ließ sie Rosen erscheinen, die Juan Diego in seinem Umhang (Tilma) zum Bischof brachte. Auf der Tilma soll sich dabei auf wundersame Weise ihr Bild eingeprägt haben. Letztlich blieb aber für die indigene Bevölkerung die vertraute „Mutter“ erhalten, nun eben christlich umgestaltet.

Gleich in der Nähe des Scheibwarengeschäfts lag „Fernando’s Kaffee“ (schreibt man wirklich so), Alistairs Lieblingscafé. Es ist da wirklich sehr nett, ich hab mal ein Foto geschossen, denn eine Beschreibung müsste lang ausfallen. Ich hab mir dort ein Bierchen genehmigt – hier gibt’s nur 0,33l – , gelesen und später gab’s, quasi als Abendessen, noch nen Fitness-Drink. Fernando, ein netter 60er, der Alistair kannte, produziert auch feine Schoki. Hab mir zwei 50g-Tafeln mitgenommen: Cinnamon (60%) und Sexy Orange (60 %). Nicht grade billig, jede Tafel knapp 4 €, kein Wunder, dass sie englische Namen tragen.

Der Heimweg war dann interessant bis abenteuerlich: Interessant, weil das Handy mich an der Iglesia de la Merced vorbeiführte, einer Kirche, vor deren Eingang ein riesiges Marienbild hing, (ca. 5×10 m), davor ein Riesenjahrmarkt mit ner acht Mann starken Kombo, die ziemlich jazzig aufgespielt und Menschentrauben angelockt hat. Im Innenraum gab es mehrere Klein-Marienaltäre, alle hübsch beleuchtet. Vor jedem dieser Altäre standen Gruppen von Besuchern, um ihre kleinen Kinder davor zu fotografieren, natürlich immer mit Handy. Offenbar ist das hier Tradition. So gut wie alle Kleinkinder waren traditionell herausgeputzt und ein wirklich „süßer“ Anblick. Und alle schienen stolz darauf zu sein, vor einem Marienaltar posieren zu dürfen.

Abenteuerlich wurde es dann, weil mich Google Maps trotz richtiger Adresse zwar in die richtige Richtung, dann aber doch falsch geführt hat. Ich stand vor dem Eingangstor zu einem anderen Dominium, auf der Karte war unser Haus vielleicht 300 m entfernt, aber natürlich ließen mich die Torwächter nicht durch. Sie haben sich alle Mühe gegeben, ne Liste rausgekramt, um dort evtl. meinen Namen zu entdecken. Hab also Alistair am Lago angefunkt (zum Glück hat er meine WhatsApp schnell gesehen) und er hat mir dann die Google-Standortdaten durchgegeben. Ich war keine 5 Minuten entfernt und doch orientierungslos, zumal bei  Dunkelheit alles ganz anders aussieht.

Um halb acht war ich dann endlich zu Hause und habe dann noch knapp drei Stunden geschrieben. Die Müdigkeit der ersten Tage ist verflogen. Lag also vielleicht doch am Jetlag. Kann ja sein, dass man den im Alter stärker zu spüren bekommt.

Ein paar Blumen, die mir auf dem Weg zur Bäckerei begegnet sind.

Fernando’s Kaffee

La Virjen está acercando (Die Jungfrau kommt näher). Dazu bitte Blasmusik vorstellen.

Einige Eindrücke von der Iglesia de la Merced  und dem Jahrmarkt davor.

Und dann hat mich Google Maps ans falsche Tor geführt. Da war leider kein Durchkommen. Hilfe!