Unser Lebensauftrag

Manchmal höre ich Menschen sagen, sie hätten in diesem Leben noch einen Auftrag zu erfüllen, und es gelte, den herauszufinden. Möglicherweise handelt es sich bei dieser Suche um eine Sisyphos-Aufgabe, falls dem nämlich gar nicht so ist, falls das Leben uns ausspuckt wie ein Vulkan seine Lava, deren einzelne Brocken ja auch keinen Auftrag haben. Oder vielleicht doch? Vielleicht haben sie den Auftrag, die Erde fruchtbar zu machen, denn nach Jahrtausenden haben sie sich zu wertvoller Lavaerde verwandelt.

Nehme ich aber an, besagter Mensch habe tatsächlich einen Auftrag, was gäbe ihm das alleinige Privileg? Müsste ich dann nicht auch einen Auftrag haben? Und müsste dann nicht jedes andere Tier – denn etwas anderes sind wir nicht – auch einen Auftrag haben. Und jeder natürliche Gegenstand wie eben jener Gesteinsbrocken ebenso? Tatsächlich würde die „Auftrags-Annahme“ unseren Respekt vor der existierenden Mitwelt vertausendfachen. Dann hätte jeder Fisch, den wir angeln, einen Auftrag, aber auch der Baum, der sich rauschend übers Ufer neigt oder der Pilz, der zu seinen Füßen wächst, die flirrende Libelle und das bescheidene Gras.

Nehme ich aber an, wir hätten keinen Auftrag, sondern seien so zufällig ins Leben gebracht wie die Luftmoleküle des Winds – was eher meine Vermutung ist –, dann hätten wir auch keine andere Bedeutung als diese. Auch dann wären wir nicht die Krone der Schöpfung, sondern Beliebige unter Beliebigen, einer gewissen evolutionären Dynamik notdürftig folgend, die wir möglicherweise mit Sinn verwechseln. Dann wären wir Gleiche unter Gleichen. Und wieder stellt sich die Frage mit noch größerer Dringlichkeit: Weshalb sollten wir deshalb mutwillig töten uns zerstören dürfen, wie es uns beliebt?

Warum ich das vermute? Falls wir die Ahnung unserer kosmischen Bedeutungslosigkeit am Grund unserer Seele tragen, könnte dies eine Erklärung dafür sein, weshalb der Verstand des Menschen, seine hauptsächliche Spezialisierung vergleichbar der Photosynthese der Pflanze, darauf sinnt, alles zu tun, um sich ein Gefühl von Bedeutung zu verschaffen. Und das radikalste Gefälle zwischen ihm und seiner Mitwelt erzeugt er, indem er tötet oder zerstöret.