Als ich ungefähr zwanzig Jahre alt war, dachte ich: „Das Leben kommt erst noch. Was ich jetzt erlebe, ist die Vorbereitung auf das richtige Leben.“ Bis mir bei einem Satz von Kurt Tucholsky dämmerte, dass das ein Irrtum war, ein Aufschieben auf später. »Erwarte nichts: Heute, das ist dein Leben«, diese Einsicht hatte er 1931 in der Weltbühne veröffentlicht. Er, der politische Autor, eine der schärfsten Federn der Weimarer Republik, jeglicher spirituellen Blase unverdächtig, hatte das gesagt. Als ich das las, war ich 20 oder 21 Jahre alt und Student in München. Irgendwie schien er damit Recht zu haben, dass das richtige Leben nicht erst irgendwann später beginnt, wenn wir werdenden Menschen dazu bereit sind oder gelernt haben damit umzugehen. Das richtige Leben geschieht schon jetzt, und wir sind mitten drin.
Die Erwartungen bröckeln
Vielen Menschen kommt diese Einsicht erst später im Leben. Auch der so lebenskluge Tucholsky war schon 40 Jahre alt, als der das schrieb. Damals muss ihm außerdem klar gewesen sein, dass der aufkommende Faschismus in Deutschland kaum mehr aufzuhalten war und sein Lebenswerk, eben dies zu verhindern, womöglich gescheitert war. Vielen Menschen dämmern solche Einsichten erst dann, wenn ihre Karriere-Erwartungen erste Rückschläge erleiden. Wenn ihre Prio-Beziehung nicht mehr so leuchtet wie am Anfang oder die Kinder ausm Haus sind, mit deren Erziehung man so beschäftigt war. Nun lassen sich die großen Fragen nicht mehr zurückhalten: Warum mache ich das alles? Was hat das für einen Sinn? Krise, oh Krise, ik hör dir trapsen – aber das Lied, das die Nachtigall da singt, ist nicht schön.
Midlife-Krise
Für psychisch intakt aufwachsende Menschen beginnt das Erwachsensein irgendwann zwischen 18 und 25. Aber wer ist schon psychisch intakt? Bei manchen beginnt es nie. Das sich dem Erwachsensein Verweigern passiert bei Individuen, es kann aber auch ganze Kollektive befallen. Europäische Beobachter des Zeitgeschehens haben die USA die Nation der ewig Pubertierenden genannt. Heute, in Zeiten des Verfalls dieser Weltmacht, verhalten sich aber auch europäische Politiker manchmal wie Pubertierende – Mark Ruttes »Papa Trump« Anrede, mit der der NATO-Generalsekretär die Erpressung durch Trumps Zollpolitik verhindern wollte, wurde als Arschkriecherei interpretiert. Auch Selbstrespekt gehört zum Erwachsensein.
Einen Spielraum gibt es immer
Wann sind wir denn erwachsen? Wir sind es, wenn wir checken, dass wir die Verantwortung für unser eigenes Leben tragen. Anderen die Schuld zu geben an dem, was misslingt, hilft nicht aus der Patsche. Einen Spielraum für eigene Gestaltungsmöglichkeiten des Lebens und der Welt gibt es immer. Wer Kriegsgefangenschaft, Psychofolter, gar ein KZ psychisch ungebrochen überlebt hat, weiß wie eng dieser Spielraum sein kann, aber auch, dass es ihn immer gibt. Auch wenn es nur die Wahl ist an welcher Wand unseres Gefängnisses wir ein Zeichen der Hoffnung einritzen können – wir haben die Wahl. Sie zu nutzen würdigt uns auch in sehr begrenzten Umständen. Viktor Frankl, Nelson Mandela, Jaques Lusseyran und Primo Levi ist das gelungen.
Die kritische Chance
Genau genommen befinden wir uns als verantwortungsbewusste Menschen immer sowohl in einer Krise als auch in einer verheißungsvollen Situation. Die Ich-Identität ist ein sich wandelndes Narrativ. An dessen epischer Struktur können wir als selbstbewusste Schöpfer unseres Lebensweges immerhin ein bisschen mitarbeiten. Anatta nannte es der Buddha – das Selbst ist eine Fiktion. Als Work in progress ist sie zugleich Krise und Chance. Für Optimisten ist jede aktuelle Situation eine Chance, für Pessimisten ist sie eine Krise. So ist es eben im Menschenleben. Es hat uns ja niemand einen Rosengarten versprochen, wie der Buchtitel von Hannah Green von 1964 suggerierte. Der wurde nicht zufällig zum geflügelten Wort. Ernüchterung, das Landen auf dem Boden der Tatsachen, das kennen wir alle. Nach der Krise stehen wir wieder auf und machen weiter. Vielleicht gereift, vielleicht mit Blessuren, die noch heilen müssen, aber wir machen weiter.
Erwachen als Konversion
Setzt diese Ernüchterung ein Aufwachen voraus? Was ist überhaupt mit Aufwachen gemeint? Aus einem Nachttraum kann man aufwachen, soweit klar. Tagsüber auch aus einer Illusion. Was aber ist mit dem Aufwachen gemeint, das so viele spirituelle Wege anpreisen? Im Advaita ist damit das Erwachen aus der Illusion der Getrenntheit gemeint. Im Buddhismus das Erkennen, dass das Ich eine Fiktion ist und das Anhaften an dieser Fiktion (des Ego) die Ursache des Leidens ist. Die Zeugen Jehovas jedoch meinen mit Erwachen das Hinüberwechseln in ihr Weltbild, also das Gewinnen der Überzeugung, dass das alte Weltbild des Noch-nicht-Konvertierten das Falsche war, das neue hingegen das Richtige ist. Auch Advaitis und Buddhisten tappen oft in die Falle, mit dem Hinüberwechseln in ihren neu gewonnenen Heilsweg nur ein neues mentales Gefängnis erworben zu haben. Auch wenn es nun schöner tapeziert ist, ein Gefängnis ist es noch immer.
In der Mitte sein
Solchen Fallen können wir entgehen, indem wir uns in die Mitte begeben. Das ist einerseits die Mitte zwischen Geburt und Tod, also eine zeitliche Mitte. Egal, ob wir von diesem Weg erst ein Drittel abgeschritten haben oder schon fast den ganzen – wann er aufhört, wissen wir ja nicht. Andererseits ist damit etwas Räumliches gemeint, unser Hara oder Dantien, die Körpermitte. Noch weiter gefasst: die Mitte des Universums, in der Shiva Nataraj, der König der Tänzer, seinen Tanz aufführt, der das ganze Universum repräsentiert. Als solche Tänzer stehen wir zwischen Vergangenheit und Zukunft immer in der Mitte der Zeit. Als uns im Raum Orientierende auch immer in der Mitte des Raums. Sowohl in der Mitte unseres Innenraums wie der des Weltraums. Dessen Peripherie ja 13,7 Milliarden Jahre von uns entfernt ist, zeitlich wie räumlich. Noch abstrakter gedacht stehen wir auch zwischen dem Relativen und dem Absoluten in der Mitte. Oder wie Siegfried Essen es in seinen Aufstellungen erfahrbar macht: zwischen dem Ich und dem Selbst.
Die weibliche Hälfte der Menschheit
Zu Shiva Nataraj sollte sich übrigens auch Shakti Natarani gesellen, denn auch die weibliche Hälfte der Menschheit ist imstande, um ihre Mitte zu tanzen. Warum haben die Yogazentren, deren Besucher doch zu zwei Drittel weiblich sind, keine Shakti Natarani Figuren dort stehen? Und wo bleibt die weibliche Buddhafigur? Auch in den Regionen tiefster Religiosität ist das Patriarchat offenbar noch nicht zu Ende. Es hätte wohl auch eine Muttergöttin, wie ich sie mir vorstelle, in ihrer allumfassenden Güte nicht ihre Mensch gewordene Tochter am Kreuz sterben lassen, um so uns sündhaft gewordenen Menschen zu erlösen.
Die Vertikale
Aufzuwachen im spirituellen Sinn ist jedenfalls kein biografisches Ereignis, vor dem es den Zustand der geistigen Umnachtung gab und danach bis zum Lebensende den des Erwachtseins. Eher ist es ein Ankommen in dem, was schon immer da war und gar nicht geändert werden muss, es muss nur aufgedeckt werden. Die Einteilung in vorher und nachher ist eine lineare. Das wird diesem Ereignis nicht gerecht. Vielmehr ist ein solches Aufwachen die Erkenntnis der Zeitlosigkeit als einer Tatsache, die schon immer da war und nie enden wird. Dieses Eintauchen ist jederzeit möglich, nicht erst in der Mitte unseres Lebens zwischen Geburt und Tod. Solch ein Aufwachen einmal erlebt zu haben, lässt sich zwar nie wieder löschen. Wenn das Alltägliche uns zu sehr gefangen hält, verblasst das Bewusstsein der Geborgenheit in der ewigen Gegenwart jedoch, ebenso wie das Wissen, dass diese Präsenz sowohl unerreichbar wie unvermeidbar ist.