Eine unbekannte Resilienz- und Überlebensstragie
Würdest du deine Mutter verteidigen, wenn’s drauf ankommt? Wenn man ihr an die Gurgel geht? Aber warum tust du’s nicht? Oder ist die Erde nicht deine Mutter? Vermutlich geht es dir wie mir: Wir haben das Kriegersein verlernt; wir weinen kaum noch, und wir wehren uns nicht. Trotzdem: Meine Hoffnung lebt.
So sind wir eben
Die drei evolutionär ältesten Überlebensreaktionen unseres Stammhirns auf akute Gefahr oder extremen Stress – Angriff, Verteidigung, Totstellen – funktionieren nicht. Gewiss, es ließe sich argumentieren, wir stellen uns alle tot. Doch das tun wir allenfalls auf einer metaphorischen Ebene; in der Praxis genießen wir das Leben, und wenn sich der Teppich noch so beult, unter den wir die Bedrohungen der Gegenwart schieben. Wir schlürfen einen kühlen Weißwein im Sommer und delektieren uns an einem feinen Yogitee im Winter, wir diskutieren im Brustton der Selbstgerechtigkeit über Nichtigkeiten, derweil andernorts die Bomben fallen, Böden unfruchtbar werden, Tiere in Massen sterben, Kinder zerfetzt werden. Ja, so sind wir. Ich mache da keine Ausnahme, denn wie anders könnten wir das alles sonst aushalten?
Und doch existieren diese echten Überlebensreaktionen tief in uns. Lasst sie uns zum Leben erwecken. Wie das geht? Indem wir den Teppich nicht mehr anheben, sondern den Fratzen von menschlichem Größenwahn und Mitweltzerstörung ins Auge schauen – wenigstens die unter uns sollten das tun, die ihren frostigen Blick ohne Winseln ertragen können. Und glaube mir, die meisten von uns sind dazu in der Lage. Auch das gehört zu unserer evolutionären Grundausstattung: dass wir die existierende Gefahr konfrontieren können; denn ohne dies könnten wir keine Rettung einleiten. Nur so können wir zu neuen Kriegern werden.
Der konventionelle Krieger
Ich weiß nur zu gut: Bei vielen von euch löst allein schon das Wort „Krieger“ Bedenken und Ängste aus: „So wollen wir doch nicht werden!“ Folglich stelle sich die Frage nach dem „So“.
Die konventionelle Wirklichkeit hält nur eine Rollenbeschreibung des Kriegers bereit. Ihr zufolge ist der Krieger ein Befehle empfangender und ausführender Untertan. Er hat Charakter durch Gehorsam ersetzt. Der lässt ihn guten Gewissens, ja mit Begeisterung, in den Krieg ziehen, gestattet ihm Gewalt und Mord. Er verhindert seine Sinnfrage oder beantwortet sie mit: Der Untergang des Feindes ist dein Sinn. Der konventionelle Krieger ist ein Soldat (neuerdings auch Soldatin), der seine Moral pflichteifrig und gewissenhaft empfängt; nicht authentisches Selbstbewusstsein, Mitgefühl und Kritikfähigkeit gehören zu seinem Wesenskern, sondern Beflissenheit, Zähigkeit, Härte, Rechthaben, Unterordnung, Schwarz und Weiß.
Neue Krieger gibt es schon lange
Ganz anders der Krieger und die Kriegerin, die ich meine. Anstatt sie zu beschreiben – denn solche Menschen sind zu komplex, als dass eine Beschreibung oder gar Definition ihnen gerecht werden könnte –, möchte ich ein paar Beispiele nennen. Einige kennst du: Dietrich Bonhoeffer, Mahatma Gandhi, Martin Luther King, Nelson Mandela, Sophie und Hans Scholl; die meisten kennen wir nicht, etwa all die Kommunisten, die in Konzentrationslagern zu Tode geschunden wurden, weil sie dem offenkundigen Unrecht die Stirn boten; aber auch wundervolle Menschen wie die Honduranerin Berta Cáceres, die sich für den Schutz des indigenen Landes einsetzte und zum Dank vor ihrer Haustür erschossen wurde; der sri-lankische Journalist Lasantha Wickrematunge, der über Korruption und Kriegsverbrechen der sri-lankischen Regierung im Bürgerkrieg berichtete und dafür mit dem Tod bezahlte.
Der Nebel zwischen und in uns
Sie alle verbindet ein gemeinsamer Nenner, der uns fehlt: ein für jedermann offenkundiges, zum Himmel schreiendes Unrecht. Das Unrecht unserer Tage gleicht einem Nebel zwischen uns; er stört unsere Klarsicht, er schlägt sich auf jedem Brot nieder, das wir essen, und ist Teil jeden Atemzugs; er erweckt den Anschein, zu unserem Besten da zu sein, mit seiner Feuchtigkeit pflegt er unsere Haut und unser Gewissen. Und er pflegt nicht nur, er formt auch unser Gewissen und unsere Meinung, er lässt uns nicken, wo zu nicken ist, und den Kopf schütteln, wo Nein zu sagen ist, sobald Grenzen überschritten werden, die andere für uns gezogen haben. So halten wir für Demokratie, wenn man uns zur Urne führt; so empfinden wir Meinungsfreiheit, weil wir am Stammtisch schimpfen dürfen. Aber wehe, wir werden öffentlich gehört. Von Friedrich Merz zum Beispiel, Bundeskanzler der BRD im Jahr 2026, heißt es, er habe seit 2021 Hunderte Strafanträge und Anzeigen wegen mutmaßlicher Beleidigung und Schmähungen im Internet gestellt. Die Bots seiner Anwälte sollen das Netz durchkämmen. Also: Vorsicht, Vorsicht!
Schüler des „kleinen Prinzen“
Welche Eigenschaften braucht also der Neue Krieger, der in dir und mir lebt und sehnsüchtig darauf wartet, dass wir ihm die Handschellen lösen? Am einfachsten ließe es sich so sagen: Er ist liebesfähig. Doch was heißt das schon, wo jede Soap uns das Wesen der Liebe vergessen lässt und uns stattdessen mit „Pseudoliebe“ einbalsamiert? Der Neue Krieger ist kein Büttel der westlichen Industriekultur, er ist ein Schüler des „kleinen Prinzen“. Er weiß, dass Verantwortung untrennbar mit Solidarität verbunden ist, und dass Solidarität nur auf dem Boden eines welt- und mitweltumfassenden Mitgefühls gedeihen kann – einem Mitgefühl, das weiß, dass alles, was lebt, ebenso gut und heil leben will wie er. Und das folglich offen ist für den Schmerz über alles Leid, das dem Leben angetan wird, wohin das Auge blickt. Er weiß um den tagtäglichen Verrat an dem Grundprinzip unseres Grundgesetzes, in dem es heißt, die Würde des Menschen sei unantastbar. Und wo es nicht heißt – was der Wirklichkeit mehr entspräche: „Die Würde des Menschen ist unantastbar, solange er jung und leistungsfähig ist und einen deutschen Pass besitzt.“
Eine Resilienz- und Überlebensstrategie
Lass dir nicht einflüstern, deine Verletzbarkeit würde dich schwächen, sobald du sie anerkennst. Gerade umgekehrt ist es; pflege sie. Denn all die Hässlichkeiten an unserem Wegrand, von denen wir unseren Blick abwenden, obwohl, ja weil wir sie gesehen haben, schwären im Hintergrund unserer Seele, rauben uns Energie und machen uns das Leben schwer, lassen uns krank, schwermütig, zynisch, depressiv oder stumpf werden. Und außerdem: Unser abgewandter Blick ist der gewollte und erwünschte Blick. Erwünscht ist unser Abdriften in die Traumwelten von Phantasy Games, in belanglose Esoterik, in Sex, Körperkult und Drogen, unser Schwimmen und Abtauchen in die geilen Wogen des Konsums – solange die Kohle reicht. Der Neue Krieger ist deshalb eine noch unbekannte Resilienz- und Überlebensstrategie, eine Chance, zur eigenen Würde jenseits von Ronald McDonald und Jingle Bells zu finden. Und glaube mir: Jede Träne, die du für das Leid rings um dich, nah und fern, vergießt, lässt dich wachsen und wappnet und stärkt dich gegenüber der korrumpierenden Seuche des Habens und der Gier, die auf Schritt und Tritt nach Einlass in deine Seele verlangt.
Keine Gewalt gegen uns selbst
Eins muss ich noch ergänzen: Hab keine Angst, dass du dir selbst Gewalt antun müsstest. Vielmehr ist es unser aller Aufgabe, nach Kräften der Gewalt entgegenzutreten, die sich in tausend Stimmen und Bildern äußert, auch der Gewalt gegen uns selbst, wie sie ebenfalls so oft verlangt wird. Nicht einmal gegen das gelegentliche Verdrängen, in dem wir ja so geübt sind, ist etwas einzuwenden; denn sobald wir unsere wahren Grenzen erreicht haben, sollten wir das ganz sehr bewusst zu unserem Selbstschutz tun.
Zum Schluss möchte ich dir einige passende Zitate des „kleinen Prinzen“ für Neue KriegerInnen mit auf den Weg geben; vielleicht magst du diesen Weg ja ausprobieren; schließlich gilt es, deine und unsere Mutter zu verteidigen:
„Erwachsene verstehen nie etwas von selbst und für Kinder ist es ermüdend, ihnen immer wieder alles erklären zu müssen.“
„Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kennenzulernen. Sie kaufen alles fertig bei den Händlern. Aber da es keine Händler für Freunde gibt, haben die Menschen keine Freunde mehr.“
„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
„‚Was der Wüste ihre Schönheit verleiht‘, sagte der kleine Prinz, ‚ist, dass sich darin irgendwo ein Brunnen versteckt …‘“
„Wenn du nachts den Himmel betrachtest, wird es für dich sein, als würden alle Sterne lachen, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache. Du allein wirst Sterne haben, die lachen können!“
„Und wenn du dich getröstet hast (man tröstet sich immer), wirst du froh sein, dass du meine Bekanntschaft gemacht hast. Du wirst immer mein Freund sein.“
Wir hören voneinander, Freunde! Au revoir!
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