Die islamische Ethik ist hierzulande weitestgehend unbekannt

Buddha – das haben alle schon mal gehört. Das ist – zumindest in der Klischeevariante der Gartencenter-Gips-Buddhas – der Typ mit dickem Bauch über gekreuzten Beinen. Und Bodhisattva? Hm, den Begriff kennen nur wenige, er ist aber in buddhistischen Kreisen geläufig. Ein Bodhisattva ist ein bisschen die Parallele zum christlichen Heiligen. Aber was, zum Teufel, ist ein Mu’min? Da winkt praktisch jeder ab.

Höher als ein Engel

Bevor ich mich den Mu’minun (Mehrzahl von Mu’min) zuwende, ein paar Worte zum Bodhisattva. Da das Christentum keinen praktikablen Wertekanon anbietet (Nächstenliebe, und das war’s), greift es im Zweifelsfall auf die alttestamentarischen Zehn Gebote zurück. Aber die kommen doch den meisten recht altbacken vor. Wer also sein Leben an Werten (über den Profit hinaus) ausrichten möchte, dem sei das Bodhisattva-Gelübde* empfohlen. Oder eben ein Leben nach den Prinzipien eines islamischen Mu’min.

Auch ich bin zufällig über das Thema gestolpert, und zwar im Gespräch mit unserem gläubigen, aber so gar nicht fundamentalistischen muslimischen Mitbewohner. Auf meine Erzählung vom Bodhisattva reagierte er interessiert und meinte dann: „So etwas Ähnliches gibt es bei uns auch.“ Jetzt lag die Neugier auf meiner Seite. „Mu’minun“, sagte er, „stehen im Islam im Rang höher als ein Engel.“ Das wär doch mal einen Versuch wert, dachte ich und ließ mir die Sache erklären.

Die unsichtbaren Heiligen

Einen Mu’min kann man äußerlich nicht erkennen, er kann in Jeans und mit vollgepackter Plastikeinkaufstasche neben dir im Bus sitzen. Weder umgibt ihn ein Heiligenschein, noch muss er einen Bart haben, ja er braucht nicht mal Muslim zu sein. Schon seltsam, nicht wahr?

Mu’minun gibt es in jeder Kultur und in allen Religionen. Der Mu’min unterscheidet sich vom Muslim. Mu’min bedeutet übersetzt „der Gläubige“ oder treffender „der (von Herzen) Überzeugte“. Es leitet sich von einer arabischen Wortwurzel ab, die für Glauben, Vertrauen und Schutz steht. Ein Muslim ist jemand, der sich dem Willen Gottes hingibt und die äußeren, formalen Pflichten des Islam erfüllt, also zum Beispiel die täglichen Gebete oder das Fasten während des Ramadan. Einem Mu’min ist der Glaube tief ins Herz gedrungen, er vertraut unerschütterlich auf Gott, ist aufrichtig, demütig und handelt nach ethischen Prinzipien, die weit über die formalen Anforderungen hinausgehen.

Die Werte der Mu’minun

Im Einzelnen sind das Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit; Mitgefühl und Fürsorge für die Schwachen; Vergebung und Gewaltlosigkeit im Alltag; Schutz der Würde des anderen sowie Verantwortung gegenüber der Mitwelt.

  • Ein Mu’min muss unter allen Umständen die Wahrheit sagen und gerecht handeln – selbst dann, wenn es zum eigenen Nachteil oder zum Nachteil der eigenen Familie ist. Absolute Ehrlichkeit im Handel, bei Verträgen und vor Gericht ist Pflicht. Mu’minun sind deshalb die idealen Geschäftspartner.
  • Ein zentraler Pfeiler ihres ethischen Verhaltens ist der Schutz der Verwundbaren. Dazu gehört: Waise zu unterstützen, Arme zu speisen, Witwen beizustehen und respektvoll mit Geflüchteten oder Fremden umzugehen.
  • Nicht von abstrakter Nächstenliebe ist beim Mu’mn die Rede, sondern von Vergebung und Gewaltlosigkeit im Alltag: Gutes mit Gutem zu vergelten, ist einfach; ein Mu’min zeichnet sich jedoch dadurch aus, Böses mit Gutem abzuwehren. Zu vergeben, Zorn zurückzuhalten und Frieden zwischen Streitenden zu stiften, haben höchsten Stellenwert.
  • Dies steht in engem Zusammenhang mit dem Gebot zum Schutz der Würde des anderen: Der Islam verbietet ethisches Fehlverhalten im sozialen Miteinander streng. Dazu gehören das Lästern, Spott, üble Nachrede, das Ausspionieren von Mitmenschen und Hochmut.
  • Erstaunt hat mich vor allem die Verantwortung eines Mu’min gegenüber der Mitwelt: Ethisches Handeln schließt die Natur mit ein. Der Mensch wird als „Sachwalter“ oder „Statthalter“ (Khalifa) auf der Erde betrachtet. Er muss verantwortungsvoll mit Ressourcen umgehen und Tiere gut behandeln, da die Schöpfung allein Gott gehört. Eine Ausbeutung der Ressourcen oder die Zerstörung der Umwelt gilt als Verletzung dieses göttlichen Auftrags.

Ein Mu’min muss zwar äußerlich kein Heiliger sein, möglicherweise betet er nicht einmal vorschriftsgemäß, aber er hat sich eine wertvolle innere Haltung anerzogen, die ihm im Laufe seines Lebens als Kompass dient. Scheitert er einmal, dann gesteht er sich das ein und will es das nächste Mal besser machen. Salopp formuliert ist er einer, der sein Ego im Griff hat. „Doch warum“, fragte ich meinen muslimischen Freund (der bei aller Jugend schon etwas Mu’minhaftes in sich trägt), „steht ein Mu’min spirituell höher als ein Engel?“ „Das“, antwortete Saifullah, „ist ganz einfach. Engel besitzen keinen freien Willen. Sie wurden – wie euer Christkind – aus Licht erschaffen und sind von Natur aus rein und sündenlos. Es ist ihnen unmöglich, Gott ungehorsam zu sein oder schlechte Taten zu begehen. In gewisser Weise sind sie wie Kinder. Der Mensch hingegen besitzt einen freien Willen und kann sich folglich falsch verhalten. Wenn wir uns aber trotz aller Lüste, Begierden und weltlichen Versuchungen bewusst dazu entscheiden, gut, ethisch und gottesfürchtig zu handeln, hat das einen viel höheren Wert. Unsereins muss aktiv für seine Tugend kämpfen, der Engel hat keine Wahl.“

„Okay“, sagte ich, „jetzt verstehe ich.“ Letzten Endes ist der Mu’min ein Mensch, dem man vertrauen kann und vor dem sich niemand fürchten muss. Leben und Vermögen sind sicher vor ihm, und wenn er nichts Sinnvolles zu sagen hat, schweigt er lieber. Im Rückblick auf unser Gespräch finde ich, unser Religionsunterricht, wo es ihn noch gibt, sollte, zumindest in den höheren Klassen, dem Mu’min ein paar Unterrichtsstunden widmen. Vielleicht genössen dann muslimische Klassenkameraden mehr Respekt und die grassierende Islamophie hätte weniger Aussicht auf Erfolg.

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* Bodhisattva-Gelübde für Laien:

Wichtig für die folgenden Versprechen ist der Zusatz „mich darin zu üben“.

Ich gelobe, mich darin zu üben, kein lebendes Wesen zu töten oder zu verletzen. (Schutz des Lebens, Kultivierung von Mitgefühl).

Ich gelobe, mich darin zu üben, nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wurde. (Respekt vor dem Eigentum anderer, Vermeidung von Diebstahl und Betrug).

Ich gelobe, mich darin zu üben, keine sexuellen Fehltritte zu begehen. (Vermeidung von sexuellem Fehlverhalten, das Leid verursacht, wie Ehebruch oder Missbrauch).

Ich gelobe, mich darin zu üben, nicht unwahrheitsgemäß zu sprechen. (Ehrlichkeit; Verzicht auf Lüge, Verleumdung und verletzende Rede).

Ich gelobe, mich darin zu üben, keine berauschenden Substanzen zu konsumieren. (Verzicht auf Alkohol und Drogen, die den Geist verwirren und zu Achtsamkeitsverlust führen).

Foto: al-Ḥaqq, Wahrheit/das Wahre, einer der 99 Namen Allahs, pixabay/PANJTANPAK_GRAPHICS05