Vielleicht ist es ihre Widersprüchlichkeit, die den Reiz einer Sprache ausmacht. Ruft ein Deutscher im Verlauf eines Gesprächs: „Was weiß ich!“ oder stärker noch: „Ja, was weiß ich!“, dann drückt er damit das genaue Gegenteil aus, nämlich dass er in diesem Augenblick nicht mehr weiterweiß. Amüsant, nicht wahr? Dabei könnte man es belassen, muss man aber nicht. Kann es denn nicht sein, dass im Augenblick der Wahrnehmung des eigenen Nichtwissens das eigentliche Wissen erst beginnt? Und zwar nicht in Form von Fakten, sondern in Form eines Prozesses? Und kann, ja darf dieser Prozess zu einem Ende kommen, wenn ich ehrlich zu mir selbst bin?

Fangen wir mit etwas scheinbar Banalen, jedenfalls Alltäglichem an: Wir verlieben uns. Etwas in uns verleiht der oder dem anderen eine Art Heiligenschein, eine Gloriole, die umso mehr aufscheint, je mehr wir einander vertraut werden, zwei Gloriolen, die sich miteinander vermengen und deren Schnittmenge wir dann „Beziehung“ nennen, innerlich als Glück erfahren, als ein großes Lächeln. Als Verliebter glaube ich um den anderen zu wissen.

Der „Ja-was-weiß-ich“-Punkt

Aber schließlich – das wissen wir alle, wenn wir die zweite oder dritte Beziehung hinter uns haben – schleichen sich erste Zweifel ein, eine Art Bildniskorrektur des anderen in uns selbst. Die Mona Lisa mag lächeln, wie sie will, bei näherer Betrachtung gibt es Unregelmäßigkeiten im Farbauftrag und in der Farbstärke, ein Glanzpunkt im Auge, und sei er noch so winzig, ist nicht stimmig, ein paar Kratzer an der Bildoberfläche. Doch warum schreibe ich: „in uns selbst“? Nun, zweifellos ist der andere noch immer dieselbe Person. Sie hat sich kein Jota verändert, nur mein Blick auf sie. Mit ein wenig Glück und Spucke erreichen wir den „Ja-was-weiß-ich“-Punkt. Bei mangelnder Introspektion versteifen wir uns auf die Aussage: „Er oder sie ist nicht der richtige, passt nicht zu mir. Ich muss einen Schlussstrich ziehen. Ich kann doch mit der falschen Person kein richtiges Leben führen!“

Es kracht. Meinungsverschiedenheiten, Streit, Türenschlagen, einer rennt davon, Tränen, Kinder werden traumatisiert, Schuldzuweisungen, Recht haben, Scheidung, das ganze Drama. Oder die moderne Variante davon: Wir bleiben Freunde. Und suchen uns was Neues, Besseres, Geileres auf der Partner-Börse. Einen neuen Beziehungs-SUV.

Irrtumsbereitschaft

Zugegeben, das war jetzt Polemik pur. Aber jeder weiß, was ich meine: The easy way out. Den wir nicht gehen müssen und manche auch tatsächlich vermeiden. Denn am „Ja-was-weiß-ich“-Punkt eröffnet sich jenseits des Rechthabens eine zweite Möglichkeit: der Zweifel an meiner Wahrnehmung. Der Zweifel daran, ob das richtig ist, was ich sehe, empfinde, spüre. Was wäre, wenn das gar nicht die „Wahrheit“ ist, sondern das Ergebnis eines inneren Prozesses, etwas ganz und gar Subjektives? Eine Meinung? Und vielleicht, vielleicht stellt sich eine Irrtumsbereitschaft ein. Vielleicht schaue ich noch einmal genauer hin und stelle fest: Meine Begeisterung für den anderen war, objektiv gesehen, gar nicht so falsch. Er ist durchaus ein liebenswerter Mensch, hat durchaus Qualitäten. Auf einmal kann ich mich auf ein neues, tieferes Kennenlernen des anderen einlassen, auf eine Begegnung und einen Austausch auf einer Ebene, an die ich nie gedacht habe, ja die vielleicht – Abrakadabra – nicht einmal existiert hat, bevor ich sie zugelassen habe im Meer der Möglichkeiten.

Ausruf- und Fragezeichen

So banal war mein Beispiel also doch nicht. Ein Beispiel wofür? Zunächst einmal erklärt sich damit jetzt, weshalb ich hinter die Überschrift ein Ausrufe- und ein Fragezeichen gesetzt habe. Sie stehen für zwei Aussagen: „Ja, so ist es!“ und: „Ist es so?“ Anders formuliert: einerseits für den Glauben an die Wahrheit meiner Erkenntnis, ihre Unumstößlichkeit, und andererseits für den Zweifel als notwendigen Impuls, um der Wahrheit auf die Schliche zu kommen. Erst im Wechselspiel von Ausrufe- und Fragezeichen stellt sich Erkenntnis ein, eine Annäherung an eine eventuelle Wahrheit. Wahrheit ist allen Faktencheckern zum Trotz kein Fakt, sondern ein Prozess.

Sich dem zu stellen, ist zugegebenermaßen schwierig bis komplex und definitiv weder stammtisch- noch tagesschau- noch konfessionstauglich. Die Auseinandersetzung mit der Wahrheit bedarf einer inneren Haltung, nämlich dem Aushalten von Ungewissheit. Von Zweifel eben. Die Lust am Zweifeln muss die Lust am Rechthaben übertrumpfen. Ich weiß, das kann man weder herbeireden noch herbeiargumentieren. Ich weiß aber auch, dass die Erleichterung und die Freude an Zwischenergebnissen im Verlauf eines solchen Prozesses Motivation sein können weiterzumachen. Also ist vielleicht eine gewisse kindliche Neugierde ein noch tieferer Grund, diesen Weg, diese Denk- und Fühl- und Spürhaltung einzuschlagen, die Neugierde auf einen neu gewonnenen oder noch zu gewinnenden Ausblick und Einblick. Es ist wie beim Bergwandern. Du musst Lust haben an der Bewegung, aber auch am Schauen, am höher Steigen für die bessere, weitere Sicht. Die sich verblüffenderweise ergibt, je tiefer du dich auf die Materie, den Menschen, die Frage, das Vorurteil, deine Glaubenssätze, den Gegner, das Feindbild einlässt. Auf dich selbst.

Und …

Das, meine ich, wäre modernes Denken. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, dann muss ich das mir zuallererst anempfehlen. Mein Nachholbedarf ist, leider, immer noch groß. Ist das so? 😉

P.S. Schlag mal nach unter Anfängergeist. Vorschlag 1: How to foster ‘shoshin’; Vorschlag 2: Zen?; Vorschlag 3: This Zen Concept Will Help You Stop Being a Slave to Old Beliefs. Hilfreich sind auch die beiden Wikipedia-Artikel Kognitive Verzerrung und Curse of Knowledge. Oder etwas ganz anderes.

P.P.S. Eine letzte Frage: Ein Meter ist ein Meter, nicht wahr? Was aber ist die richtigere Maßeinheit, um ans Ziel zu kommen: der Kilometer, die englische Meile, die amerikanische Meile, der zaristische Werst, der alte japanische Ri oder gar der chinesische Li? Immerhin versteht man jetzt besser, was Laotse meinte, als er schrieb: „Eine Reise von tausend Li beginnt mit dem ersten Schritt.“